„Wir wollen, dass alle Menschen vom technischen Fortschritt profitieren“

„Wir wollen, dass alle Menschen vom technischen Fortschritt profitieren“

Ein Interview mit Paul Lunow, Geschäftsführer des Berliner Startup-Unternehmens Nepos GmbH

von Muna Bering

Das Nepos Tablet ist speziell für die Generation 65+ konzipiert.
Das Nepos Universal Interface macht jede Anwendung über einen einheitlichen, selbsterklärenden Weg bedienbar.
© Nepos

Die Nepos GmbH hat ein Tablet entwickelt, das bezüglich Bedienung und Design speziell auf die Bedürfnisse der Generation 65+ zugeschnitten ist. Wir haben den Geschäftsführer Paul Lunow nach dem Gerät befragt: Was genau macht es so seniorenfreundlich? Wie funktioniert die Bedienung? Und fürchten sich auch Programmierer davor, später vom rasanten technischen Fortschritt abgehängt zu werden?

Sehr geehrter Herr Lunow, bevor wir auf die Besonderheiten des von Nepos entwickelten Tablets für die Generation 65+ zu sprechen kommen, eine Frage zur Entstehung vorweg: Wie sind Sie und Ihr Startup-Unternehmen auf die Idee gekommen, ein derartiges Gerät zu entwickeln? Welche Beweggründe hatten Sie?

Ich bin leidenschaftlicher Programmierer. Meine Familie fragt mich bei allen Dingen rund um den Computer. Ich bin deren Systemadministrator. Auch meiner Großtante habe ich immer wieder bei Problemen mit dem Computer geholfen, ihr alles eingerichtet, in Ruhe erklärt und Anleitungen verfasst. Nichts hat geholfen, sie fühlte sich überfordert. Irgendwann war ihre Antwort: „Paul, ich bin zu alt dafür und muss es jetzt auch nicht mehr lernen. Wenn man nicht mehr drumherum kommt, bin ich hoffentlich schon tot.“ Das konnte ich so natürlich nicht stehen lassen. Sie ist nicht zu blöd für die Technik – die Systeme sind einfach nicht auf sie zugeschnitten. Um Menschen wie meiner Großtante auch künftig die soziale und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, haben Florian Schindler und ich Nepos gegründet.

Ihr Nepos Tablet verfügt über die einzigartige Bedienoberfläche mit dem Namen „Ui+“. Wofür steht die Abkürzung Ui+?

Die Abkürzung UI steht im allgemeinen Sprachgebrauch für „User Interface“. Gemeint ist damit die Benutzerschnittstelle, über die Menschen mit Maschinen kommunizieren. Ui+ steht bei uns für „Universal Interface“. Diese Wortschöpfung soll betonen, dass die von uns entwickelte Benutzeroberfläche für alle Anwendungen nach der gleichen allgemeingültigen Logik funktioniert.

Wir haben herausgefunden, dass die größte Barriere zur digitalen Welt weniger in der Vielfalt der Angebote liegt als vielmehr in der Komplexität der Interaktion mit diesen. Unterschiedliche Bedienkonzepte, überfüllte App-Stores, Fehlermeldungen, Virenwarnungen … sogar die, die bereits einmal den Zugang geschafft haben, sind bei der nächsten Anwendung oder nach einem Update wieder überfordert.

Für uns alle, aber insbesondere für ältere Personen, ist Kontinuität wichtig. Die stringente und überdauernde Benutzerführung des Nepos Tablets ist leicht erlernbar, schafft Vertrauen und gibt Sicherheit. Das einmal gelernte Wissen kann auch alle Bereiche angewendet werden. So macht die Bedienung des Tablets Spaß, statt zu überfordern.

Das „Nepos Ui+“ ist speziell für Senioren entwickelt worden, um der älteren Generation den Zugang zur digitalen Welt zu erleichtern. Wie sieht diese Erleichterung konkret aus?
Tun Sie in Ihrer Antwort bitte am besten kurz so, als wäre ich eine Seniorin, die wenig Erfahrung mit moderner Technik hat und vielleicht etwas unsicher ist. Was erwartet mich, wenn ich das Nepos Tablet zur Hand nehme? Inwiefern ist dieses Gerät einfacher für mich zu bedienen?

Das Nepos Tablet bietet einen Zugang zum Internet. Das Medium Internet spielt eine immer wichtigere Rolle in unser aller Leben. Deshalb ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Wir haben ein Produkt entwickelt, mit dem diese Auseinandersetzung für jeden problemlos möglich ist. Auf dem Tablet entdecken Sie Inhalte, die für sie persönlich ausgewählt wurden. Sie können Videos anschauen, Hörbücher hören und im Internet surfen. Natürlich können Sie auch mit Ihrer Familie kommunizieren. Suchen Sie sich etwas aus und legen Sie los! Wenn Sie das Tablet einschalten, werden Ihnen zunächst die wichtigsten Funktionen erklärt. Die von uns entwickelte Sprachhilfe kann zu jedem Zeitpunkt aktiviert werden und Sie erhalten natürlich eine gedruckte Anleitung. Uns ist es sehr wichtig, eine verständliche und konsistente Sprache zu benutzen. Und wenn etwas nicht klappt, sind wir für Sie da und helfen per Telefon weiter. Sie brauchen sich also keine Sorgen mehr zu machen, dass Sie vielleicht jemandem aus der Familie oder dem Bekanntenkreis mit ihren Fragen auf die Nerven gehen.

Der erste Schritt ist der wichtigste. Wenn Sie den gemacht haben, können Sie ohne Schwierigkeiten auch neue Anwendungen entdecken. Zum Beispiel Online Banking, Einkaufen im Internet oder sich mit Ihrer Nachbarschaft vernetzen. Dank unserer Bedienoberfläche verlieren Sie die Angst davor, Fehler zu machen. Dadurch, dass jede Anwendung mit der gleichen Menülogik aufgebaut ist, können Sie das Gerät einfacher bedienen und das Internet genau so nutzen, wie Sie möchten.

Können Sie bitte erklären, was eine Menülogik ist? Und wie ist diese beim Nepos Tablet aufgebaut?

Die Menülogik ermöglicht es den Nutzern, alle Anwendungen in einer einheitlichen Art und Weise zu bedienen. So ist das Nepos Ui+ sehr leicht verständlich: Die einzelnen Menüpunkte fächern sich nacheinander gegen den Uhrzeigersinn auf. Die Bedienung erfolgt am Rand des Bildschirms, im mittleren Bereich befindet sich der Inhaltsbereich. Um komplexere Vorgänge auszuführen, wie beispielsweise eine Online-Überweisung, die mehr als nur eine Aktion benötigen (wie Konto auswählen, Geldbetrag eingeben, Betreff eingeben etc.), haben wir eine Menülogik festgelegt, die auf Grundlage von Schritten (1 bis …) den Prozess aufgliedert. Die Nutzer werden schrittweise nacheinander bis zum Abschluss geführt. Der letzte Schritt besteht immer aus einer Übersicht, die zeigt, dass eine Aktion ausgeführt wurde.

Nicht nur bei der Software, auch bei der Hardware sind Sie auf besondere Bedürfnisse von Senioren eingegangen. Welche Besonderheiten weist das Design des Nepos Tablets diesbezüglich auf?

Unkompliziert, selbsterklärend und einfach zu bedienen – so wünschen sich Senioren technische Geräte, das haben wir in zahlreichen Interviews immer wieder gehört. Darum haben wir zusammen mit dem Top-Designer Werner Aisslinger ein ergonomisches Produktdesign entwickelt, das funktional und gleichzeitig modern ist: Der 10-Zoll-Bildschirm ermöglicht eine ausreichende Schriftgröße. Es gibt Anzeigen für den Eingang von E-Mails und den Ladezustand des Akkus und einen Drehregler für die Lautstärke. Die stabile Standvorrichtung erleichtert den täglichen Umgang und verhindert, dass das Tablet übersehen wird. Uns war es wichtig, ein schönes Produkt zu schaffen, das uns gefällt und trotzdem so einfach zu bedienen ist, dass niemand damit Schwierigkeiten hat.

Sie haben im Laufe des Entwicklungsprozesses Zielgruppentests durchgeführt. Wie sahen diese Tests aus? Wer genau hat wie oft und wie lange für Sie getestet?

Gestartet sind wir mit regelmäßigen Einzeltests. Über zwei Jahre hinweg haben wir monatlich neue Ideen, Konzepte und Prototypen besprochen und überprüft. Insgesamt haben wir mit mehr als 300 Testpersonen zusammengearbeitet und drei Langzeitstudien durchgeführt, um jeden Aspekt des Ui+ detailliert zu untersuchen.
Bei den Langzeittests haben die Tester die Geräte über mehrere Monate hinweg ausprobiert. Wir haben ihnen zwischendurch Aufgaben geschickt, das Userverhalten getrackt und in Interviews qualitative Aussagen gewonnen. Der enge Austausch mit der Zielgruppe war unglaublich wertvoll. Nur durch unsere intensiven Tests und Befragungen konnten wir die Lösungsstrategien der Nutzer analysieren und eine Oberfläche entwickeln, die so exakt auf die spezifischen Bedürfnisse älterer Personen zugeschnitten ist.

Das Nepos Tablet wurde dieses Jahr auf der CEBIT erstmals vorgestellt, aber noch ist es nicht auf dem Markt. Wann wird es für Verbraucher möglich sein, es zu erwerben?

Aktuell läuft noch eine Finanzierungskampagne, mit der wir das Geld für die Anschubfinanzierung der ersten Tablet-Produktion sammeln. Hier kann jeder in Nepos investieren: www.nepos.de/companisto. Bis heute konnten wir darüber 250k Euro einsammeln und haben parallel ein Coinvest über 500k Euro abgeschlossen. Aktuell gehen wir davon aus, dass wir rund um Weihnachten die ersten Tablets auf den Markt bringen.

Planen Sie weitere seniorenfreundliche Produkte? Gibt es bereits Ideen?

Ja, wir sind mit der Mission gestartet, die jeweils aktuellsten Technologien für Senioren zugänglich zu machen. Das Nepos Tablet ist der erste Schritt. Wir schauen uns aber auch schon intensiv Sprachassistenten und Smart Home Systeme an. Wir wollen, dass alle Menschen vom technischen Fortschritt profitieren. Das kann aber nur funktionieren, wenn man sich ernsthaft mit den spezifischen Anforderungen von älteren Menschen auseinandersetzt und nicht aufhört, auch für sie nach perfekten Lösungen zu suchen.

Abschließend eine eher persönliche Frage: Sie dürften ja selbst ein sehr technikbegeisterter und technikaffiner Mensch sein. Machen Sie sich dennoch manchmal Sorgen, dass auch Sie eines Tages im Alter abgehängt werden könnten von den rasanten Fortschritten in Ihrer Branche? Welche technischen Hilfsmittel kämen für Sie später infrage – oder welche würden Sie sich wünschen?

Selbstverständlich, obwohl ich als Programmierer natürlich einen tiefen Einblick in verschiedenste Systeme habe, merke ich auch bei mir selbst, dass ich froh bin, wenn mal alles bleibt, wie es ist, und ich meine Arbeit erledigen kann! Und da bin ich in meinem Umfeld nicht der Einzige.

Letztendlich ist biologisch vorprogrammiert, dass die ältere Generation sich auf ihre Erfahrungen zurückzieht, während nachfolgende Generationen danach streben, neue Technologien zu erschaffen und damit neue Erfahrungen zu sammeln. Das war mal das Fax oder Mobiltelefone und heute ist es der Umgang mit dem Internet. Je schneller der technologische Fortschritt, desto größer wird dieses Spannungsfeld.
Wenn meine Enkelkinder eines Tages ankommen und sagen: „Opa, hier sind die neuen Nanoroboter, damit musst du deinen Computer nicht mehr rumschleppen und bist immer online“, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass ich sie dankend ablehnen werde mit dem Hinweis, dass Computer sich stets außerhalb meines Körpers befunden hätten und dass das bis zu meinem Ableben auch so bleiben sollte.
Das werden meine Enkel natürlich so nicht stehen lassen, und dann wird Nepos da sein und mich mit der Technik ausstatten, mit der ich weiterhin alle Vorzüge nutzen und mit meinen Enkeln und Urenkeln in Kontakt bleiben kann.

Herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für unsere Fragen genommen haben.

 

Paul Lunow, Geschäftsführer der Nepos GmbH, mit seiner Großtante Luise Lunow
Paul Lunow mit seiner Großtante Luise Lunow
© Darius Ramazan
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