Mehr Lebensqualität sichern

Mehr Lebensqualität sichern

Ein Interview mit Prof. Dr. Astrid Mühlböck

von Johanna Thaben

 

Prof. Dr. Astrid Mühlböck

Innovation und Technik machen den Menschen das Leben leichter. Diesen Ansatz verfolgt das IT-Unternehmen der 1.A Connect GmbH aus Nohfelden. Im Gespräch erklärt Astrid Mühlböck, die gemeinsam mit ihrem Mann die Geschäfte führt, wie sie durch den Einsatz von neuen Technologien und moderner Systeme Lösungen und Produkte für das Pflege- und Gesundheitswesen entwickeln. Eines davon ist der digitale Pflegesessel.

Ihr Unternehmen kommt aus dem Bereich der Softwareentwicklung, doch bei dem Thema „Alte Menschen und Senioren“ denkt man nicht sofort an Digitalisierung. Was war Ihre Motivation, sich dieser Zielgruppe anzunehmen?

Das hat eigentlich einen sehr persönlichen Hintergrund, denn die Mutter meines Mannes lebt mit 88 Jahren noch alleine zuhause. Wir wohnen außerdem nicht im selben Dorf und bekommen so die ganzen Probleme, die im Zusammenhang mit der Betreuung von älteren Menschen existieren, mit. Wir erleben, wie schwierig das zu regeln ist, wenn man selbst berufstätig ist und Kinder hat. Sich dann auch noch um die Eltern zu kümmern, ist nicht immer leicht. Da war es naheliegend, uns zu überlegen, wie wir unsere eigene Technik einsetzen können, um meiner Schwiegermutter im Alltag mehr Sicherheit zu geben. Dabei erfahren wir direkt, was funktioniert und was nicht.

Normalerweise assoziiert man mit der Digitalisierung eine jüngere Zielgruppe. Wie sieht eine altersgerechte Digitalisierung für Senioren aus?

Als Unternehmen entwickeln wir Software für andere Unternehmen, die grundsätzlich erst einmal helfen sollen. Sie soll Prozesse erleichtern und ein effizienteres Arbeiten ermöglichen. Das Gleiche gilt im Grunde genommen auch bei der Digitalisierung für Senioren. Wir haben schon relativ früh erkannt, dass Digitalisierung eine große Hilfe für Senioren sein kann. Aber sie werden als Zielgruppe von den Wenigsten angesprochen. Der Vorteil einer Digitalisierung besteht darin, dass sie Abläufe erleichtert und das macht sie für Senioren noch viel wichtiger als für junge Leute. Man kann den älteren Menschen ein Stück Lebensqualität sichern, indem sie durch die Digitalisierung länger zuhause wohnen können und nicht ins Altersheim müssen.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie nicht an den Interessen der Zielgruppe vorbei entwickeln?

Das geht im Grunde genommen nur durch Gespräche mit den betroffenen Personen. Wir sind mit der Zielgruppe ständig im Dialog und sprechen uns mittlerweile auch mit Seniorenheimen ab. Von dort erfahren wir, wo es Bedarf gibt und wie die Anforderungen aussehen. So sind schon jede Menge Ideen für die Zukunft entstanden, worauf wir als Softwareentwickler im ersten Moment gar nicht gekommen wären. Außerdem haben wir die Chance, dass wir dank meiner Schwiegermutter vieles direkt ausprobieren können. Das betrifft zum Beispiel die Gestaltung des Touchscreens für das Tablet in unserem Pflegesessel. Die normale Nutzeroberfläche einer Smartphone-Applikation funktioniert bei älteren Personen nicht, weil die nicht mehr so gut sehen. Also machen wir uns Gedanken, wie wir es größer darstellen können und wie die farbliche Gestaltung angenehm wirkt.

Im Zuge Ihrer Entwicklungsarbeit haben Sie den digitalen Pflegesessel entworfen. Wie kam es zu dieser Idee?

Da kamen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen haben wir aus der persönlichen Lebenssituation heraus den Bedarf gesehen. Daneben haben aber auch die Neugierde und der Spaß daran, etwas Neues zu entwickeln, eine Rolle gespielt. Hinzu kam die bestehende Verbindung zur Devita GmbH, deren Geschäftsführer Frank Dewes ein guter Freund ist. Da er schon immer ein sehr innovativer Handwerker ist, kamen wir irgendwann auf die Idee, einen bestehenden Pflegesessel mit digitaler Technik auszustatten. Da wir außerdem sehr intensiv mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes zusammenarbeiten, haben wir die auch noch dazu genommen und das gemeinsame Projekt ins Leben gerufen, den ersten digitalen Pflegesessel zu entwerfen.

Was ist neu am digitalen Pflegesessel?

Wir haben im digitalen Pflegesessel drei zentrale Bereiche. Zum einen haben wir den Bereich Kommunikation, dann gibt es den Bereich der Hausautomation und wir haben die Vitalwerteerfassung. Zum Bereich der Kommunikation gehört, dass man über den digitalen Pflegesessel auch telefonieren kann. Dafür wurde ein Tablet angebaut, über das man einen Anruf absetzen kann. In den Ohren des Sessels sind Mikrofon und Lautsprecher eingebaut, sodass man für das Gespräch nicht mehr den Hörer in die Hand nehmen muss. Das Ganze wird durch einen kleinen Computer gesteuert, der im Sessel eingebaut ist.

Der zweite Funktionsbereich ist die Hausautomation. Das heißt, Sie können über das Tablet auch die Hausautomation steuern. So lässt sich zum Beispiel das Licht, der Fernseher oder das Radio ein- und ausschalten. Man kann das auch mit einem Türöffner koppeln. In der Hausautomation gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, als das, was momentan vorhanden ist. Wir sind jetzt erst im ersten Jahr unseres Pflegesessels und haben noch ganz viele Möglichkeiten, was wir machen können.

Der Digitale Pflegesessel im Messeeinsatz.

Der Pflegesessel ist in der Lage, die Vitalwerte zu übermitteln. Wie wurde das technisch gelöst?

Dafür haben wir in den Pflegesessel einen sehr innovativen Sensor eingebaut, der allgemein Beschleunigungen misst. Das ist ein sehr fein justiertes Gerät, das auch die Beschleunigung, die der Herzmuskel auf den Stuhl ausübt, wahrnehmen kann. So können Herz- und Atemfrequenz der Person, die in dem Sessel sitzt, ermittelt werden. Wenn der Sessel ausgeliefert wird, muss das natürlich erst einmal kalibriert und angestellt werden, aber danach bekommt man ganz einfach die Vitalwerte mitgeteilt, die auf den Gesundheitszustand der Person schließen lassen.

Demnach erhebt der digitale Pflegesessel aber auch zahlreiche Daten seiner Nutzer. Wie wird mit den personenbezogenen Daten umgegangen?

Für uns, die aus dem Dokumentenmanagement kommen, ist das ein sehr zentrales Thema. Das ist im Prinzip erstmal so konzipiert, dass die Daten im Rechner bleiben und auch nur dort gespeichert werden. Sie gehen nicht automatisch in eine Cloud oder zu sonst irgendjemanden. Man kann also nur ins System gucken, wenn man vor Ort ist. Will jemand von außen darauf zugreifen, muss das über einen speziellen Kanal programmiert werden. Der ist personalisiert und verschlüsselt, sodass auch wirklich nur dieser eine Nutzer darauf zugreifen kann. Das kann meinetwegen ein Arzt oder ein Pfleger sein. Insofern sind die Daten, soweit man das momentan gewährleisten kann, sicher.

Wo sehen Sie im Bereich der digitalen Altenpflege weiteres Entwicklungspotential für die Zukunft?

In einem weiteren Forschungsprojekt sind wir derzeit dabei, einen Rollator zu digitalisieren. Dabei geht es darum, eine Hinderniserkennung einzubauen. Eine Kamera soll Barrieren wie Straßenkanten erkennen und dann ein Signal von sich geben. Außerdem wollen wir in den Rollator ein GPS-System integrieren. Wenn zum Beispiel jemand mit dem Rollator wegläuft, wie das in Altenheimen hin und wieder passiert, kann die Person geortet werden.

Zum Zweiten können wir uns vorstellen, dass wir die Technik, die wir in den Pflegesessel eingebaut haben, auch in Pflegebetten einbauen. Momentan sind wir aber einfach noch zu sehr mit anderen Themen beschäftigt, die auf den Weg gebracht werden müssen. Wir wollen die Funktionalität des Pflegesessels weiter ausbauen und weiter aus dem Gebrauch lernen.

Lässt es sich mit diesen Technologien im Hinterkopf einfacher alt werden?

Wir machen immer unsere Witzchen uns sagen: Naja, bis wir so alt sind, müssen wir alles fertig haben. Da muss alles in Perfektion durchentwickelt sein. Der Punkt ist, dass man anfängt, sich viel intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen. Man überlegt sich ganz genau, was man für sich selbst gerne hätte. Ob es leichter wird, weiß ich nicht. Aber sieht man sich die gesamte Pflegesituation in Deutschland an, ist das aus meiner Sicht ohne Digitalisierung und Technik überhaupt nicht zu machen. Wir müssen da einfach die Technik nutzen und die Technik kann da so viel tun. Viel mehr, als wir jetzt bereits haben. Aber sie muss dafür auch wirklich den Anforderungen der Senioren entsprechen. Für die Zukunft ist da auf jeden Fall noch Bedarf vorhanden.

Frau Mühlböck, vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

Die Kommentare sind geschloßen.