Eine verhinderte Kooperation und ihre Auswirkungen

Eine verhinderte Kooperation und ihre Auswirkungen

Einführung: Das Risiko steigt mit dem Alter dass allein lebende Menschen die Herdplatte vergessen oder die Badewanne überläuft. In den Wohnungen der Dresdner Wohnungsgenossenschaften mehren sich die „seniorenspezifischen Hilfseinsätze“. Sicher und selbstbestimmt wohnen im Alter war eine Überlegung der WG Aufbau innerhalb des Projektes AUTAGEF, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung vor 4 Jahren gefördert wurde. Ziel war die Entwicklung eines Assistenzsystemes, welches einen Notfall automatisch erkennt und einen Notruf auslösen kann. Ich sprach über die Ergebnisse mit dem Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Aufbau Frau Gita Müller und Herrn Karsten Wendisch als Abteilungsleiter Wohnungswirtschaft.

Mit AUTAGEF sollte ein Assistenzsystem errichtet werden das in Wohnungen Notfälle automatisch erkennt und einen Notruf zu gegebener Zeit selbst auslösen kann. Ist das richtig?

Müller: Ja, AUTAGEF sollte im Ergebnis ein selbstlernendes System sein, in dem die normalen Handlungen des Mieters aufgezeichnet werden und sobald sich Anormalitäten zeigen sollten Reaktionen ausgelöst werden. Ob zum Nachbarn oder ein Arztnotruf.

Hat das funktioniert?

Müller: Es mussten während des Projektes Korrekturen am Ziel vorgenommen werden da man sich zu Beginn vorgenommen hatte, alles per Funk regeln zu können. Leider war die Sicherheit des Rufes nicht gewährleistet, der dann rausgeht. Das heißt, Ablesefimen wie ISTA z.Bsp. haben eigene Schnittstellen um Signale aus der Wohnung zu holen und lassen niemand anderen an ihre Schnittstelle ran. Und damit war die Zielsetzung, das ganze kostengünstig umzusetzen, nicht mehr gegeben. Hier mussten wir uns neu orientieren. Wir haben in der Folge entschieden Kabel zu verlegen.

Was mussten Sie konkret verändern?
Sie haben auf die Funktechnik verzichtet?

Müller: Wir mussten umentscheiden und die kleinen Sensoren an Kabel anschließen.

Sie wollten ursprünglich die schon vorhandene Technik in Ihren Gebäuden nutzen wie Stromzähler oder funkbasierte Zähler für Wasser und Heizung, als kostengünstige Variante.
Mit diesen Werten wollten Sie gewöhnliche und ungewöhnliche Nutzerverhalten Ihrer Mieter herausfiltern?

Müller: Wir wollten in der Wohnung Sensoren anbringen in verschiedenen Räumen. Sobald die Signale nicht mehr normal und gewöhnlich gewesen wären sollte es ein Signal geben. Das hätte so aussehen können: „Herr Müller, sind Sie jetzt nur gefallen oder brauchen Sie Hilfe?“ Mittels Strommessverfahren sollte aufgezeichnet werden wenn beim Mieter X der Kaffee früh nicht gekocht wird oder das Licht nicht angegangen ist. Man hätte ihn fragen können: „Wollten Sie nur länger schlafen oder warum reagieren Sie nicht?“

Das ist interessant, war aber am Ende nachteilig für das Projekt. Eine Zielsetzung von AUTAGE war eine Registrierung dass Mieter X nicht wie gewöhnlich morgens 8.00 Kaffee kocht und daraufhin ein Signal ausgelöst wird.
Eine andere Zielsetzung war dass ein Notruf ausgelöst wird weil beim Mieter Y der Wasserhahn seit langem läuft und eventuell die Wanne überläuft. Was für Ergebnisse gab es dazu?

Wendisch: Unsere Partner haben es geschafft festzustellen wann sich eine Kaffeemaschine einschaltet oder andere Geräte sich an und abschalten. Die Komplexität der Daten in ein Muster zu bringen und eine Normabweichung zu markieren um im dritten Schritt ein Warnsignal auszugeben, das ist nicht erreicht worden.
Müller: Wir konnten bestimmte Gefahrenszenarien technisch nachstellen und haben das in einer Musterwohnung umgesetzt.

Sie haben zur Projektzeit eine Testwohnung mit der neuen Technik ausgestattet. Ist das die heutige Musterwohnung?

Müller: Das ist richtig. Wir haben damals eine Musterwohnung geschaffen die wir heute immer noch nutzen.
Wendisch: Wir haben in der Musterwohnung versucht zu zeigen was man mit Sensoren alles machen kann. Man sieht auf einem Computerbildschirm eine Wohnung mit aktiven und nicht aktiven Sensoren. Wenn Wasser austritt gibt es ein Signal und es wird eine Nachricht an eine Vertrauensperson geschickt. Oder Bewegungssensoren für die Küche, die registrieren wenn jemand lange nicht mehr in der Küche war und daraufhin der Herd sich abstellt.

In Ihrer Musterwohnung ist es prinzipiell möglich dass das System merkt wenn jemand lange Zeit nicht mehr in der Küche mit eingeschaltetem Herd ist und ein Warnsignal ausgegeben wird?

Wendisch: Genau, so wie das jetzt eingestellt ist würde er sich nach einer gewissen Zeit abschalten. Beim Wasserstopper zum Beispiel würde es eine Meldung geben, je nachdem wie man das vordefiniert. Eine Ausschaltung oder auch nur ein akustisches Signal. Aber wenn man nicht zu Hause ist hört man es nicht. Von der Warte her wäre eine Mehrstufigkeit nicht schlecht.

In die Badewanne gehen ca.100 Liter rein. Wann könnte ein Sensor reagieren? Wenn 130 Liter reingelaufen sind?

Wendisch: Nein, der Sensor ist auf dem Boden. Und wenn der feucht wird, dann reagiert er. Denn wenn in der Badewanne kein Stöpsel drin wäre könnte ja das Wasser ständig laufen.

Man kann sich in eine Ihrer Wohnungen einen Sensor einbauen lassen, der reagiert wenn Wasser auf den Fussboden läuft?

Wendisch: Das ging zur Projektzeit, wir haben den inzwischen zurückgebaut. Aber wir können zeigen dass es so etwas gibt. Den Herd kann ich Ihnen zeigen. Ich kann Ihnen auch die Plattform zeigen die wir damals hatten. Die Technik ist dort noch mit verbaut.

Wurde in Ihrer Musterwohnung der Boden mit Sensoren ausgelegt das man Stürze erkennen kann?

Wendisch: Nein, also der Ansatz war ja immer das wir mit AUTAGEF Möglichkeiten schaffen wollten die preisgünstig sind. Das war ja die Zielvorstellung.

Das ist eigentlich schade, könnte das nicht irgendwann einmal zum Standart gehören?

Wendisch: Naja gut, aber ein Standard der sehr teuer und aufwendig ist. Immer wenn man Elektrik und Sensoren einbaut hängt die Wartung dran.

Welche Nachfragen gibt es für einen seniorengerechten Umbau seitens Ihrer Mieter?

Nachfrage die wir jetzt haben besteht in Schwellenausbau, ebenerdiger Dusche, ein guter Balkonaustritt und der Aufzug, um in die Etage zu kommen. Ein Pflegedienst wird in der Regel irgendwann dazugebucht wenn die Mieter länger in der Wohnung bleiben wollen. Das ist ihr Rundumpaket.

Hatten die Mieter während des Projektes Angst ihre Daten preis zu geben?

Müller: Nein, mit den Mietern war alles klar geregelt. Prinzipiell sehen es viele so dass man erst dann Daten preis gibt wenn man weiß, dass Hilfe kommt durch diese Datenerfassung und man dadurch nicht ins Heim muss. Erst wenn man kurz davor ist gibt man so etwas preis. Wir testeten im Projekt auch die Möglichkeit Stürze über ein Mikrofon zu registrieren. Den Sturz hört man ja. Das Mikrofon würde dann fragen: „bist Du jetzt gestürzt oder ist der Stuhl umgefallen?“ Du musst aber vertrauen, dass dieses Mikrofon diesen Sturz nur als Welle aufnimmt aber nicht Deine Gespräche.

Es gibt Mikrofone die nur einen Sturz aufnehmen können und keine Gespräche?

Müller: Ja, wir haben das hier im Projekt ausprobiert. Das sind Mikrofone die Sprache gar nicht aufnehmen können. Und sie würden auch nichts speichern, die würden nur in dem Moment reagieren wo etwas passiert.

Was haben Sie für Visionen für Ihre Mieter, wie sehen Ihre Wohnungen in 10 Jahren aus?

Müller: Ich denke zum einen, dass die Hausgemeinschaft gepflegt werden sollte, es geht ja nicht nur um die Gefahren die in der Wohnung lauern sondern um die Hilfe untereinander. Das tägliche Leben sollte funktionieren ohne dass ich gleich in ein Pflegeheim muss oder betreutes Wohnen als teuren Zusatz bezahlen muss. Wenn die Nachbarschaftshilfe funktioniert dann könnte zum Beispiel die Oma aufs Kind aufpassen. Und Schularbeiten machen.
Zum anderen wollen wir in unseren Objekten irgendwann die Möglichkeit zur Unterbringung einer Tagespflege schaffen. Ich sehe jedoch nicht dass wir Wohnungen elektronisch ausrüsten, ich eine Wohnung beispielsweise ausstatte mit einer Tapete, die die Herzfrequenz misst.
Wendisch: Der Weg geht in Richtung altenfreundliche Wohnungen, dort ist auch Druck da. Das kann man A durch das Anpassen von Bestandswohnungen machen was relativ kompliziert ist oder B man baut bewusst neue, kleinere Wohnungen. Ebenerdig. Mit barierrefreiem Zugang.
Vielen Dank, auch für Ihre Zeit für meine Fragen.

Die Kommentare sind geschloßen.