Wenn die eigenen vier Wände zum Leben erwachen

Wenn die eigenen vier Wände zum Leben erwachen

Beispiel-Wohnung-Ambient-Assisted-Living-Produkte
Beispiel-Wohnung-Ambient-Assisted-Living-Produkte (http://www.selbstbestimmtes-leben.org/)

 

Ambient Assisted Living (AAL) steigert Wohnkomfort für Senioren

 

Immer diese Anglizismen! Mit dem Begriff Ambient Assisted Living (AAL) kann natürlich kein Mensch etwas anfangen. Übersetzt bedeutet es nichts anderes als Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben. Neue Konzepte, Produkte und Dienstleistungen auf der Basis modernster Technologien sollen die Lebensqualität für Menschen in allen Lebensphasen, vor allem im Alter, erhöhen. Kling toll, ist auch toll, aber nur die Wenigsten nutzen es auch.

Altersgerechte Assistenzsysteme  sollen es älteren Menschen und Menschen mit Handicap ermöglichen, so lange wie es geht selbstbestimmt in ihren eigenen vier Wänden zu leben. Wie so oft scheitert eine überaus sinnvolle Idee in der Praxis vor allem an der Finanzierung. Eigentlich paradox, denn die heutigen Methoden der Altenpflege und Seniorenbetreuung verteuern sich ohnehin kontinuierlich. Noch sind die Kranken- und Sozialkassen allerdings in den wenigsten Fällen bereit, die teils hohen Kosten für Assistenzsysteme zu übernehmen.

Eine positive Ausnahme bildet das Hausnotrufsystem. Bei Bedarf kann die pflegebedürftige Person per Knopfdruck Angehörige oder Pflegekräfte über die Gefahrensituation und den Standort informieren. Hausnotrufsysteme werden vom GKV Spitzenverband als Pflegehilfsmittel zur selbstä

ndigeren Lebensführung betrachtet und unter bestimmten Voraussetzungen von der Pflegekasse übernommen. Die Kosten der Systeme liegen in der Regel unter 20 Euro pro Monat.

Komplexe Technik mit einfacher Handhabung

Neben der Finanzierung schreckt auch viele potenzielle Kunden der Umgang mit der Technik an sich ab. Gerade Senioren, die in einer Zeit ohne moderne Technik aufgewachsen sind, stehen technischen Neuerungen oftmals kritisch gegenüber. Sie haben Angst die Systeme nicht bedienen zu können oder Fehler zu machen, die zu einem Defekt der Technik führen können. Bei aktuellen AAL-Lösungen sind diese Bedenken allerdings meist schnell zu beseitigen. Die intuitive Bedienung erfordert keinerlei Vorkenntnisse.

Wie einfach es gehen kann, demonstriert aktuell der Versandhausriese Amazon. Dessen Alexa kennt mittlerweile jeder. Zumindest jeder, der den Fernseher anschaltet und beim Werbeblock nicht völlig abschaltet. Die intelligente Sprachsteuerung ist derzeit omnipräsent. In Verbindung mit diversen Smart Home-Systemen kann der Nutzer bestimmte Einstellungen für sein Zuhause vornehmen. Die Werbespots veranschaulichen eine Vielzahl von Anwendungen.  Entsprechend der Voreinstellungen werden z.B. bei dem Sprachbefehl „Alexa, ich möchte schlafen“ das Licht ausgeschaltet, die Rolläden heruntergelassen und die Heizung gedrosselt. Sind die entsprechenden Voreinstellungen erst einmal auf dem Rechner gespeichert, funktioniert Alexa ganz autonom.

Ein Plus an Sicherheit, Komfort und Unterhaltung

Alexa ist vielleicht das populärste aber längst nicht einzige Beispiel für Ambient Assisted Living. Häufig genannte Anwendungsbeispiele liegen im Bereich der Sicherheit, Komfort und Unterhaltung. Dazu zählen unter anderem die automatische Abschaltung des Herdes bei Abwesenheit, Schutzmaßnahmen gegen Einbrüche sowie eine situative Regulierung der  Beleuchtung, der Raumtemperatur oder von Fernseher und Stereo-Anlage. Familienangehörige können sich beispielsweise über ein Videosystem davon überzeugen, dass es den Großeltern gut geht. Sie können mit ihnen sprechen, sich nach dem Befinden erkunden oder Hilfe holen. Zudem ist es möglich, via Ambient Assisted Living Einkäufe zu organisieren, Medikamente zu beschaffen oder bei Bedarf einen Arzt zu rufen.

Besonders bedeutend für das Ambient Assisted Living ist die Möglichkeit, wie etwa bei der Smart Home-Plattform Qivicon  ( https://www.qivicon.com/de/ ) mit einem Klick auf das Smartphone sämtliche Lampen, Heizungen und andere Elektrogeräte auszuschalten. Auch das Aufstehen kann hilfebedürftigen Menschen erleichtert werden, in dem sich Rollläden automatisch öffnen und die Heizung zu fest definierten Zeiten in Betrieb geht. Die Sicherheit lässt sich verbessern, wenn intelligente Rauchmelder bei Brandverdacht zusätzlich Verwandte oder Nachbarn informieren. Bewegt sich nachts etwas um die Wohnung oder das Haus, wird mit Musik, Licht und Fernsehen simuliert, dass jemand zu Hause ist.

Intelligente Lösungen für die Gesundheit

Die korrekte Dosierung von Medikamenten ermöglicht ein Roboter der Firma Pillo Health (https://www.pillohealth.com/ ) . Dieser Gesundheitsassistent kann alle Familienmitglieder per Gesichtserkennung einordnen, sie persönlich ansprechen und für jeden die passende Menge an Vitaminen oder Tabletten ausgeben. Falls demente Personen trotzdem die Einnahme vergessen, sendet Pillo eine Warnung an eine zuvor ausgewählte Kontaktperson. Bereits längere Zeit auf dem Markt ist die  ElliGrid Pillenbox ( https://elliegrid.com/ ). Sie kann zwar nicht sprechen, zeigt dafür aber durch Beleuchtung die aktuell notwendigen Tabletten an. Zudem kann die intelligente Pillenbox deutlich einfacher befüllt werden, weil keine Tabletten mehr abgezählt werden müssen. Ähnlich wie bei Pillo wird auch bei der ElliGrid automatisch ein Pfleger oder Familienangehöriger benachrichtigt, wenn die Medikamente nicht eingenommen wurden..

Neben Gleichgewichtsproblemen, nachlassender Sehkraft und Vergesslichkeit ist vor allem Schwerhörigkeit ein typisches Altersproblem. Klassische Hörgeräte arbeiten jedoch oft langsam und unpräzise. Bei Oticon Opn ( https://www.oticon.de/ ) scannt dagegen ein Velox-Chip 100mal pro Sekunde die Umgebung. Dadurch wird ein 360 Grad Radius erzielt und Störgeräusche können besser herausgefiltert werden. Träger des intelligenten Hörgerätes sind so in der Lage, auch Gruppengesprächen problemlos zu folgen. Die Batterien des neuen Systems sind sogar wiederaufladbar.

Rollatoren sind aus dem Leben vieler Senioren kaum noch weg zu denken. Manchmal sind sie zu klobig und unhandlich. Stürzen und Gleichgewichtsproblemen sind die Folge. Nachdem bereits verschiedene Anbieter eine bessere Sturzprävention in Angriff genommen haben, soll das Modell ello von eMovements ( https://www.ello-info.de/  ) nun für umfassenden Schutz sorgen. Für mehr Beweglichkeit sorgt zusätzlich der elektrische Antrieb. So können gehbehinderte Menschen Steigungen oder Unebenheiten besser meistern. Beim Weg aufwärts rollt ello automatisch in der gewünschten Geschwindigkeit und transportiert dabei sogar noch Gepäck. Abwärts bremst er von selbst und verhindert so ein unerwünschtes Wegrutschen. Durch die integrierte Notruffunktion, die im Gegensatz zu einem Hausnotruf immer dabei ist, wird die Bewegungsfreiheit deutlich erhöht. Falls der Anwender beim Spaziergang oder Einkaufen die Orientierung verliert, kann er über den intuitiv bedienbaren SOS-Knopf Hilfe holen. Integriertes GPS sorgt für das schnelle Auffinden.

Die Datenschutz-Problematik

Die Möglichkeiten von Ambient Assisted Living scheinen nahezu unbegrenzt. Kaum ein Tag vergeht ohne mehr oder weniger relevante Neuerungen. Da AAL-Systeme selbsttätig im Auftrag des Nutzers agieren, wirft dies auch juristisch Fragen zum Schutz personenbezogener Daten auf. Entscheidend für Akzeptanz und Markterfolg solcher Systeme wird deshalb die verantwortungsvolle Abwägung zwischen technisch möglichen Assistenzfunktionen einerseits und der hierfür nötigen Überwachung und Datenübermittlung andererseits sein.  Spannend wird diese Entwicklung auf jeden Fall bleiben.

Text: Lothar Zimmer

Fotos: www.selbstbestimmtes-leben.org / QUIVICON / eMovements

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