Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Senioren freuen sich gemeinsam am Spiel mit ichó
ichó stärkt das Gemeinschaftsgefühl                                                                 (© ichó systems – icho-systems.de)

 

iscó revolutioniert die Demenz-Therapie

 

Die Zahlen sind erschreckend: Alleine in Deutschland leiden 1,55 Millionen Menschen an Demenz. Tendenz steigend. Betroffene und Angehörige sind bei  einer Erkrankung mit einer vollkommen neuen und  fremden Situation konfrontiert. Der Umgang miteinander wird bei fortschreitender Krankheit immer schwieriger. Ichó ist ein interaktiver Therapieball für Menschen mit Demenz. Farbiges Licht, Vibrationen, Stimmen oder Musik lösen beim Nutzer eine Reizstimulation aus. Ichó registriert hierbei alle auf ihn einwirkenden Einflüsse, also ob der Ball geworfen, gefangen, gedrückt oder gestreichelt wird. Steffen Preuß, einer der Miterfinder von ichó, erklärt im Interview mit www.intelligente-technik-fuer-senioren.de, wie alles anfing und wo alles (möglicherweise) endet.

 

  1. Erst einmal Glückwunsch: ichó wurde vom europäischen Parlament als eine der zehn innovativsten Ideen in Europa ausgezeichnet! Ehre, wem Ehre gebührt! Wie überrascht waren Sie über diese Anerkennung?

Für uns war das schon eine große Ehre, vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie als Deutschland-Repräsentant nominiert worden zu sein. Natürlich hatten wir für uns den Anspruch, in diesem Wettbewerb das Beste zu geben. Allerdings hatten wir sehr wohl auch gesehen, welche Start Up-Unternehmen mit im Teilnehmerfeld waren. Einige davon kamen aus dem Silicon Valley und hatten einen ganz anderen finanziellen Background als wir. Wenn dann noch dein Sitznachbar aus Dänemark so ganz nebenbei erwähnt, dass ein neuer Investor mit 460 Millionen Dollar bei ihnen eingestiegen sei, merkst du, das ist eine ganz andere Liga. Wir waren froh, dass wir die 120 Euro für die drei Flugtickets zusammen bekommen haben. Umso überraschender und schöner, dass wir am Ende doch im Finale standen.

 

icho systems wurde vom Europäischen Parlament als eines der zehn innovativsten Start-Up Unternehmen ausgezeichnet    ( © European Commission)

 

  1. Von Lob alleine kann man sich nichts kaufen. War diese Auszeichnung auch  mit einer Art Preisgeld verknüpft?

Leider Nein. Bei diesem Wettbewerb geht es tatsächlich nur um Prestige. Gleichzeitig werden dadurch neue Türen geöffnet. Man wird plötzlich ganz anders wahrgenommen und wir stehen mittlerweile auch mit Partnern in Verhandlungen, bei denen es um ganz andere Summen geht als zuvor. Geld gab es also keines, dafür jedoch völlig neue Perspektiven und jede Menge Aufmerksamkeit..

  1. Ichó ist nicht alleine auf ihrem „Mist gewachsen“, sondern in einem Team von ursprünglich vier Studenten. Wie sind sie eigentlich zusammengekommen, sie studierten ja an unterschiedlichen Fakultäten.

Wir haben alle die gleiche Hochschule besucht. Leftheri Efthimiadis und ich studierten von Beginn an gemeinsam Kommunikationsdesign. Mario Kascholke und Max Friedrich kannten sich aus der Medieninformatik. Zusammen gefunden haben wir durch „Nutzerwelten“, das war ein interdisziplinäres Forschungsvorhaben der Universität Düsseldorf. Dabei ging es um technische und gestalterische Lösungsvorschläge für Menschen mit Demenz. Was uns konkret miteinander verband war, dass jeder in seiner Familie einen Fall von Demenz kannte.

Durch dieses Projekt erkannten wir auch sehr schnell, welche Vorteile es hat, wenn Menschen mit unterschiedlichen Denkansätzen an der Lösung eines Problems arbeiten. Am Ende war es dann Leftheri, der die Idee zu ichó in Form eines Balls hatte. Wir kamen mit unserer Forschungsarbeit erstaunlich gut voran und sahen auch erste Erfolge bei Tests in der Praxis z.B. bei meiner Großmutter. Deshalb entschlossen wir uns, die Idee weiter zu verfolgen und nicht wie so viele andere in irgendeiner Schublade verschwinden zu lassen.

  1. Genug der Vorrede, von diesem „komischen runden Ding“ versprechen sich einige Leute – nicht zuletzt Sie selbst – wahre Wunderdinge. Muss jetzt schon eine zu klein geratene Disco-Kugel als Retter der Menschheit herhalten?

Ich weiß es selbst nicht. Wir werden unsere Idee jetzt sicher nicht zu hoch ansetzen. Für uns war es in erster Linie, ein Weg wieder in Kommunikation mit Angehörigen zu treten, die unter Demenz litten. Bei kognitiven Erkrankungen sind es manchmal gerade die kleinen Dinge, die einen großen Effekt auslösen.  Je individueller diese kleinen Dinge auf die Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmt sind, desto mehr werden einzelne Fragmente aus deren persönlicher Biografie heraus gekitzelt. Darin liegt die Besonderheit von ichó, die wir so bei anderen Hilfsmitteln noch nicht gesehen haben.

  1. Spaß beiseite, ichó bzw. die Idee dazu besitzt einen überaus ernsten Hintergrund. Als interaktives Therapiewerkzeug wurde es von euch für den Einsatz bei kognitiven Erkrankungen konzipiert. Speziell an Dement erkrankte Menschen sollen davon profitieren. Erkläre doch bitte, wie das in der Praxis funktionieren soll?

Unsere größte Hürde ist tatsächlich, themenfremden Menschen den Nutzen von ichó zu erklären. Bei der Arbeit mit ichó findet zuallererst ein Individualisierungsprozess statt. Das klingt vielleicht etwas hochtrabend, aber im Grunde wird lediglich die Biografie des Anwenders durchleuchtet. Sehr schnell stößt man dann auf seine Lieblingsmusik oder eine Erzählung, an der er besonders hing. Mit ichó können wir diese Bausteine abbilden. ichó wird bewegt und wie einer Drehorgel ertönt die Lieblingsmusik und genau über diesen Impuls erlebt man eine viel bessere Ansprache und Aktivierung als wenn Musik nebenbei im Radio läuft. Die Kombination aus mehreren vertrauten Dingen, der Optik von ichó in Form eines Balles, Musik oder Stimmen und den Lichteffekten, die generiert werden, erhöhen die Bereitschaft sich mit ichó spielerisch auseinander zu setzen. Diese multisensuelle Stimulation ist der eigentliche Zweck, den wir verfolgen. Natürlich geht es auch um Lebensfreude, einfach lustige Momente zu erleben, Kommunikation und den gegenseitigen Austausch zu animieren.

  1. Ihr habt sicherlich ichó an euren Eltern „erprobt“. Wie war denn deren erste Reaktion darauf?

Das war höchst unterschiedlich, je nach Stadium der Demenz. Meine Großmutter litt bereits unter fortgeschrittener Demenz. Als ich ihr erstmals ichó in die Hand drückte, war ihre Verwunderung natürlich spürbar. Als sie dann die Kugel bewegte und Roy Black lief, das war ihr Lieblingssänger, und es plötzlich überall leuchtete und blinkte, war ihre Überraschung noch größer. Gleichzeitig konnte ich die Faszination in ihren Augen erkennen. Sie freute sich und begann im Rhythmus der Musik zu schunkeln. Das weckte auch bei mir die Erinnerung an alte Zeiten. Ähnliche Erfahrungen wurden uns von Pflegern berichtet, die ichó zu Therapiezwecken getestet hatten.

  1. Haben Sie eine konkrete Verbesserung im Krankheitsbild feststellen können?

Wirklich schwer zu sagen. Was man unmittelbar erkennt, ist eine höhere Form der Aktivierung. Für konkrete Aussagen müssen allerdings erst die entsprechenden Studien ausgewertet werden. Zumindest nach den bisherigen Aussagen von Pflegekräften und Therapeuten  sind positive Aspekte erkennbar. Das Interesse von Demenzkranken wird gesteigert und bei herausforderndem Verhalten wird der Stress abgebaut. Unter herausforderndem Verhalten  versteht man Angstzustände oder auch Altersdepressionen. Dadurch steigern sich einige in eine Art Hysterie. Ichó übt in solchen Situationen eine beruhigende Wirkung aus und hebt die Stimmung.

  1. Ichó soll die persönliche Biografie des Erkrankten in seine Funktionen einfließen lassen. Für die Software stellt dies doch eine riesige Herausforderung dar, denn jeder Mensch greift auf individuell ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Wie haben sie sich das gedacht?

Es klingt wahrscheinlich komplizierter als es tatsächlich ist. Jedes digitale Endgerät weist doch schon eine Individualisierung auf den jeweiligen Nutzer aus. Bestes Beispiel ist das Smartphone. Jeder richtet es nach seinem persönlichen Geschmack oder seinen jeweiligen Bedürfnissen ein. Bei unserem Ansatz für ichó genügen gewisse Eckdaten, es muss ja nicht die komplette Biografie des Erkrankten einfließen. Es reicht schon, wenn man den regionalen Background kennt, die Lieblingsmusik oder welches Buch einen besonderen Eindruck hinterlassen hat. Mit diesen Informationen sind Pfleger oder Therapeuten bestens vertraut. Ähnlich wie beim Handy füttern wir ichó also bloß noch mit den Medien, die für den Demenzkranken relevant sind. Unsere Herausforderung besteht darin, bereits im Vorfeld ein möglichst breites Sammelsurium an unterschiedlichen Medien bieten zu können.

  1. Ichó mag zwar einfach zu bedienen sein, allerdings dann doch eher für einen Therapeuten innerhalb einer Pflege-Einrichtung. Können Sie sich vorstellen, ichó derart weiter zu entwickeln, dass ein an Demenz Erkrankter es selbst bedienen kann, also quasi auch für den Gebrauch in den eigenen vier Wänden funktionieren kann?

Ein Demenzkranker stellt sich nichts selbst ein, das muss von außen geschehen durch ein Familienmitglied oder eine andere enge Bezugsperson. Ähnlich wie andere altersgerechte Assistenzsysteme soll ichó das Leben in den eigenen vier Wänden erleichtern. Mittelfristig ist unser Anspruch also, ichó für den privaten Gebrauch zu etablieren. Im Moment sind Pflege-Einrichtungen und Therapeuten unsere ersten Ansprechpartner. Da wir mit denen im ständigen Austausch stehen, fließen deren Erkenntnisse beim Einsatz von ichó in die Entwicklungsarbeit mit ein.

  1. Bei einem Einsatz in der ambulanten Pflege, ergibt sich sogleich die Frage nach den Kosten. Haben Sie schon einen ungefähren Preis für einen ichó-Ball?

Ichó wird in Deutschland gefertigt, weil wir sicher stellen möchten, dass ein Höchstmaß an Qualität gegeben ist und keine Schadstoffe verarbeitet werden. Damit haben wir natürlich höhere Fertigungskosten. Dazu kommt, dass wir mit einer Auflage von gerade einmal 400 Bällen starten. Nach unserer Kalkulation können wir ichó deshalb für einen Preis von etwa 400 Euro anbieten. Bis Ende des Jahres soll ichó auf dem Markt sein.

  1. Hält man sich vor Augen, dass weltweit nahezu 47 Millionen Menschen an Demenz erkrankt sind, davon 1,55 Millionen alleine in Deutschland, müsste sich für Sie ein riesiges wirtschaftliches Potential erschließen. Liest man ihre Namen einmal in einem Atemzug mit denen von Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg?

Um Gottes Willen … ich weiß gar nicht, ob ich mit denen in einem Atemzug genannt werden möchte. Natürlich muss man Investoren immer große Visionen verkaufen, aber wir selbst bleiben auf dem Boden. Wir vergessen nie, für wen wir ichó entwickelt haben. In erster Linie soll meine Großmutter davon profitieren und natürlich auch die an Demenz erkrankten Familienmitglieder meiner Freunde und Partner. Deshalb achten wir sehr genau darauf, welche Unternehmen wir mit ins Boot nehmen. Selbstverständlich müssen wir auch Geld verdienen, alleine schon, um unsere eigenen Investitionen decken zu können, allerdings auf gar keinen Fall um jeden Preis. Qualität geht auf jeden Fall vor Quantität.

  1. Abschließende Frage: Glauben Sie, dass Demenz eines schönen Tages tatsächlich heilbar sein wird?

Das wäre toll! Wir verfolgen die Forschungsarbeit sehr genau und sind guter Hoffnung, schon aus eigenem Interesse. Unsere Gesellschaft gehört jetzt schon zu den ältesten weltweit und wir werden selbst auch immer älter. Der Gedanke, dass ich selbst mit 80 oder 90 Jahren unter Demenz leide, lässt mich erschaudern. Um ganz ehrlich zu sein, für mich wäre das Schönste, wenn es für ichó keine Verwendung mehr geben würde und wir alle uns einen neuen Job suchen müssten.

 

Text: Lothar Zimmer

Fotos: © ichó systems – icho-systems.de / © European Commission

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