Ethische Stolpersteine auf dem Weg in die moderne Pflege

Ethische Stolpersteine auf dem Weg in die moderne Pflege

Roboterdame Pepper
© SoftBank Robotics

Verdrängt intelligente Technik die
menschliche Komponente in der Altenpflege?

Pflege 4.0. Smart Home. Digitalisierung des Gesundheitswesens. Im Bereich der intelligenten Hilfsmittel für Senioren wird viel geforscht. Was ermöglicht oder erleichtert älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben? Was entlastet Pflegekräfte in einer überlasteten Branche? Diese Fragen sind gut und helfen möglicherweise, den drohenden Pflegekollaps zu verhindern. Dennoch sollte man bei allen Hoffnungen darauf, was Technik und Innovation in der Altenpflege leisten kann, nicht vergessen, dass es hier immer auch juristische und moralische Problematiken gibt.

Drei fiktive Fallbeispiele

Die 71-jährige Emily S. lebt alleine in ihrem Haus. Vor einiger Zeit hat sie sich einen Notrufknopf angeschafft. Sie ist zufrieden mit ihm. Tatsächlich konnte sie schon einmal schnell Hilfe rufen, als sie im Garten gestürzt war und alleine nicht mehr hochkam. So gibt ihr der Knopf ein Gefühl von Sicherheit. Auch ihre zwei Kinder sind froh über die Anschaffung. Leider lassen sie sich, seit Emily S. das Gerät nutzt, deutlich seltener bei ihr blicken als zuvor. Die regelmäßigen kurzen Besuche zwischendurch, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist, fallen jetzt weg. Das bedauert Emily S. sehr.

Der 79-jährige Wolfgang D., der an beginnender Demenz leidet, lebt in einem Pflegeheim, in dem ein Projekt zur sensorischen Überwachung getestet wird. Mittels diverser Sensoren lässt sich hier ständig beobachten, ob die Patienten ausreichend viel getrunken haben, ob sie im Bett umgelagert werden müssen, ob sie gestürzt sind und wo sie sich befinden. Wolfgang D. steht dieser Technik zwiespältig gegenüber: Einerseits sieht er die Vorteile – nicht nur für sich, auch für das medizinische Personal. Andererseits fragt er sich, was mit den vielen Daten passiert, die tagtäglich generiert werden. Außerdem fühlt er sich diffus in seiner Privatheit eingeschränkt. Es stört ihn einfach, dass er rund um die Uhr überwacht wird. Deutlich spürt er hier das Spannungsverhältnis zwischen Sicherheit und Freiheit – am eigenen Beispiel.

Der vielseitig einsetzbare humanoide Roboter Pepper unterstützt seit Kurzem die Pflegekräfte in einem Schweizer Seniorenheim. Pepper ist in der Lage, mit Menschen zu kommunizieren und Befehle auszuführen. Weil er mit den Geräten im Haus vernetzt ist und Zugriff auf Datenbanken sowie Internet hat, verfügt er über ein gewaltiges Wissen. So ist er nicht nur nützlich, weil er Stürze melden, Besuche machen, die Heizung regulieren, Licht ein- und ausschalten sowie den Fernseher bedienen kann – er verwickelt die Bewohner auch in Gespräche, hört sich Probleme an, wertet diese aus und schlägt Lösungen vor. Pflegerin Annette K. ist das nicht ganz geheuer. Es kommt ihr nicht richtig vor, dass eine Maschine – eine künstliche Intelligenz – die älteren Menschen beeinflusst. Auch fragt sie sich, wer verantwortlich ist, wenn Pepper vielleicht einmal einen Ratschlag gibt, der negative Folgen hat.

Viele Möglichkeiten, viele Gefahren, viele Fragen

Wie die Beispiele zeigen, sind die Problematiken von intelligenter Technik in der Altenpflege ein weites Feld. Neue Erfindungen und Möglichkeiten werden immer neue Abwägungen und Entscheidungen notwendig machen. „Was kann Technik?“, sollte nicht die einzige Überlegung sein. Auch die Fragen „Was soll Technik können?“ und „Welche Folgen haben neue Technologien?“ müssen beleuchtet werden. Eine wichtige Grundlage, um hier Antworten zu finden, sind sicherlich ganz klassische philosophische Fragen. Deren Berücksichtigung bei der digitalen Neugestaltung des Gesundheitswesens wünscht sich auch die Philosophin und Technikethikerin Manja Unger-Büttner: „Wie wollen wir leben? Was für Menschen wollen wir sein? Welche Rolle soll Technik in unserem Leben spielen? Welche Bedeutung wollen wir ihr beimessen und warum?“ Sie betont, dass die Entwicklung der Technik nicht an den Menschen vorbeilaufen dürfe.

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https://youtube.com/watch?v=9kjOKkDFEe8

In einer Demenz-WG unterhält Pepper die Bewohner und heißt Emma.

Hier lesen Sie das vollständige Interview mit Frau Unger-Büttner.

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