Mit intelligenter Technik auf Entdeckungstour in der Stadt

Mit intelligenter Technik auf Entdeckungstour in der Stadt

Wie ältere Menschen ihren Aktionsradius durch smarte Technologien erweitern können

Senioren gehen im Park spazieren
Foto: HoliHo/pixabay.com

Für viele Menschen wird es mit zunehmendem Alter schwieriger, am öffentlichen Leben teilzuhaben. Sie fühlen sich unsicher, weil sie vielleicht in der Dunkelheit nicht mehr so gut sehen, oder auf weiteren Strecken eine Rast einlegen müssen. Oder sie brauchen Anregungen, was sie draußen und in der Stadt unternehmen könnten. Sie ziehen sich zurück und werden einsam. Das Projekt UrbanLife+ möchte dieser Entwicklung entgegenwirken, indem altersbedingte Einschränkungen durch intelligente Technik in der Straßenbeleuchtung, bei Parkbänken und durch Informationsanzeigen ausgeglichen werden. Dr. Jörg Leukel von der Universität Hohenheim, bei der die Gesamtkoordination des Projekts liegt, gibt Einblicke in das Projekt.

In welchem Umfang nutzen ältere Menschen heute intelligente Technik?

Auch ältere Menschen verwenden immer mehr Technik. Nur das Problem ist, dass wir eine sehr große Heterogenität haben. 40 % der Älteren sind quasi täglich im Internet und machen dort alles Mögliche. Aber genauso viele haben damit gar nichts zu tun. Das sind die sehr alten Menschen, die Frauen, die Alleinlebenden und die Kranken. Aber das sind ja genau diejenigen, die Hilfe brauchen.

Mit dem Projekt UrbanLife+ möchten Sie diese Menschen erreichen?

Ja, und zwar nicht zuhause in ihrer Wohnung, sondern eher draußen. Vereinfacht gesagt wollen wir in der Stadt Technik einbauen, damit sich die Menschen in der Stadt besser zurechtfinden. Man weiß, dass gerade die Älteren und Mobilitätseingeschränkten fast alles nur noch in einem ganz kleinen Radius von etwa 800 Metern machen. Und wir wären froh, wenn die Technik helfen würde, dass die Menschen ihren Aktionsradius erweitern.

Auf welche Weise soll die Technik in der Stadt ältere Menschen unterstützen?

In einer Bürgerbefragung in Mönchengladbach hat von den 75- bis 79-Jährigen jeder Vierte angegeben, dass er nicht nach draußen geht, weil es keine Möglichkeiten zum Ausruhen gibt. An der Universität Hohenheim entwickeln wir daher federführend eine Parkbank, die sich in der Sitzhöhe an die Menschen anpasst und ihre Sitzfläche neigt, wenn sie sich setzen oder aufstehen wollen. Die Universität Leipzig arbeitet an einer smarten Straßenbeleuchtung, die sich sowohl in der Lichtfarbe als auch in der Helligkeit anpasst. Und die Universität der Bundeswehr München beschäftigt sich mit Informationsstrahlern, also z. B. Bildschirmen im öffentlichen Raum, die den Passanten leicht verständliche Informationen anbieten.

Gruppe der Forscher, die sich mit dem Projekt UrbanLife+ beschäftigen
Das Team des Projekts UrbanLife+;
Foto: Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach GmbH

Gibt es nicht auch Vorbehalte oder Schwierigkeiten bei den älteren Menschen, technische Geräte zu benutzen? Wie wollen Sie es erreichen, dass die Menschen sich mit diesen technischen Einrichtungen auseinandersetzen?

Zunächst wollen wir wegkommen von Bildschirmen. Auch Smartphones sind ja extrem schwierig zu bedienen, was die Fingerfertigkeit angeht. Vielmehr haben wir draußen in der Umgebung zum Beispiel eine Litfaßsäule, eine Parkbank oder eine Straßenlaterne, die ich über verschiedene Wege bedienen kann: über Sprache, über Dinge, die ich betätige, und darüber, dass ich erkannt werde. Das heißt, jemand geht zum Beispiel an einer Straßenlaterne vorbei, und diese erkennt das Gerät, das er bei sich trägt. Er selbst muss gar nichts machen, er ist passiv. Die Straßenlaterne passt dann ihre Helligkeit an das Sehvermögen des Passanten an.  Oder ein System liefert akustische und optische Signale, die den Menschen helfen.

Gibt es da nicht auch Fragen zum Datenschutz?

Ja, das ist ein Thema. Allerdings haben wir jetzt keine praktischen Erfahrungen, in wie weit die Senioren, die am Projekt teilnehmen, hier Einwände haben. Nach meiner persönlichen Erfahrung haben sie Vorbehalte eher in der Bedienung, ob sie mit der Technik zurechtkommen. Erst danach stellen sie die Frage, was mit ihren Daten passiert. Ein Ansatz besteht eben darin, dass man die Daten anonymisiert.

Ein Partner von UrbanLife+ ist die Sozialholding der Stadt Mönchengladbach GmbH. Sie ist zusammen mit sieben Altenheimen und deren Bewohnern am Projekt beteiligt. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Alle technischen Lösungen, die wir einbauen, wollen wir um diese sieben Altenheime herumgruppieren. Das hat mit dem Aktionsradius von 800 Metern zu tun. Im November 2017 haben wir mit unserem Projektpartner Universität der Bundeswehr München im Altenheimfoyer einen großen Bildschirm aufgestellt. Dieser liefert Informationen und Bilder über Aktivitäten, damit die Menschen draußen etwas unternehmen. Er ist als Touchscreen sehr einfach zu bedienen auch ohne Einweisung. Aber dennoch gibt es Probleme mit der Technik und der Bedienung. Deshalb hat unser Projektpartner, die Sozialholding Mönchengladbach GmbH, ein Technik-Café eingerichtet. Dort geht es aber nicht nur darum, technische Schwierigkeiten auszuräumen, sondern die Wissenschaftler wollen vor allem auch erfahren, welche Probleme die Menschen mit der Technik haben und wie sie damit umgehen.

Im Rahmen des Projekts müssen bestimmte Gegenstände in der Stadt, wie Straßenlaternen und Parkbänke technisch umgerüstet und Bildschirme als Informationsstrahler installiert werden. Ist das nicht ein großer Aufwand?

Das ist ein enormer Aufwand und die Städte haben kein Geld dafür. Deshalb können wir die Technik nur an ganz wenigen Punkten aufbauen. Wir beginnen erst einmal im Außenbereich des Altenheims. In der Stadt haben wir häufig genutzte Wege zu Einkaufsmöglichkeiten oder kulturellen Einrichtungen identifiziert. Unser Ziel ist es, wenigstens entlang von diesen Wegen Straßenlampen und Parkbänke umzurüsten. Aber Technik im Außenbereich ist immer auch anfällig für Vandalismus. Da kann man nicht einfach einen Bildschirm aufbauen. Deshalb arbeiten wir auch mit der Industrie zusammen, die Oberflächen entwickelt, von denen man z. B. Grafitti eben leicht abwischen kann.

Dann profitieren auch Technologieunternehmen von diesem Projekt?

Ja, mit Sicherheit. Sie profitieren davon, dass wir in Mönchengladbach sozusagen ein Schaufenster einrichten, wo man sich anschauen kann, wie die Technik eingesetzt wird. Und wir sind dabei, Unternehmen zu finden, die hier selbst investieren wollen. Darauf sind wir angewiesen.

Das Projekt läuft noch bis zum Jahr 2020. Gibt es bereits Überlegungen, wie es weitergeht und wie die Projektergebnisse umgesetzt werden können?

Auf jeden Fall untersuchen wir, wie es in Mönchengladbach weitergeht. Wir erstellen auch Wirtschaftlichkeitsrechnungen für die Parkbank, die Beleuchtung, für Infostrahler, für Poller, E-Scooter, Ladestationen und auch für den Öffentlichen Personennahverkehr. Wir wollen nachweisen, dass es sich lohnt in diese Projekte zu investieren. Darüber hinaus soll es dann auch Forschungsprojekte geben, die sich mit den technologischen Veränderungen beschäftigen. Bei den Technologien, die wir bei der Antragstellung zum Projekt zugrunde gelegt haben, hat sich ja vieles schon wieder geändert. Mittlerweile gibt es schon ganz tolle Innovationen am Markt. Dann sind sie ja auch viel günstiger als wenn man sie im Forschungsprojekt entwickelt. Von daher besteht die Hoffnung, dass die Technik günstiger wird, so wie das bei den Smartphones auch war. Die waren ja auch sehr teuer als sie auf den Markt kamen. Und dann kann man immer noch untersuchen, was sich verändert, ob und wie die Technik akzeptiert wird und was noch getan werden muss, damit auch benachteiligte Gruppen erreicht werden. Es ist also ein ständiger Prozess.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Infomationen über das Projekt finden Sie unter www.urbanlifeplus.de

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