Tablet auf Rädern

Tablet auf Rädern

Selbstfahrende Telepräsenzroboter
erleichtern die häusliche Pflege

 

Im täglichen Leben frei und unabhängig zu sein, ist der Wunsch vieler älterer Menschen. Sie wollen ohne fremde Hilfe zurechtkommen. Selbstfahrende und ferngesteuerte Roboter, die mit Display, Mikrofon und Webcam ausgestattet sind, machen es jetzt möglich. Durch Videoübertragung ersetzen sie die persönliche Anwesenheit von Angehörigen oder Pflegepersonal und bieten die Chance für mehr Lebensqualität.

Nahezu lautlos gleitet Double, ein kurioses Gebilde aus Mini-Segway in Kombination mit einem Tablet, durch den Flur von Günthers Wohnung. Der 85-jährige Rentner lebt seit dem Tod seiner Frau Waltraud vor drei Jahren alleine in der ehemals gemeinsamen Wohnung. Ein Umzug in eine Pflegeeinrichtung kommt für ihn nicht in Frage. Double setzt seinen Weg vorbei an Küche und Bad – alles unauffällig – fort und kommt im Wohnzimmer zum Stehen. „Hallo Günther, wie geht es dir?“, tönt es aus dem Lautsprecher des Tablets. „Aach, das Rheuma macht mir wieder zu schaffen“, antwortet Günther in seinem Lieblingssessel sitzend. „Das wird die aufziehende Kaltfront sein“, entgegnet Schwiegersohn Matthias am anderen Ende der Kommunikation. Er bedient das Gefährt von zuhause aus per Fernsteuerung.

Telepräsenzroboter Double von Double Robotics
Auf einer zweirädrigen Plattform und mit einem iPad als Kopf kann der ferngesteurte Telepräsenzroboter Double seine Umgebung erkunden. Foto: Double Robotics

Double, vom Kalifornischen Hersteller Double Robotics, ist ein Telepräsenzroboter und gehört zu den sogenannten sozialen Assistenzrobotern. Ihre Stärken liegen in der Interaktion, der Kommunikation und der Companionship. Es geht darum, Gesellschaft zu leisten und in so einem Fall kann der Roboter für Senioren zu einem wahren Gefährten werden. Telepräsenzroboter werden von einem anderen Standort aus gesteuert und können sich so in ihrer Umgebung bewegen. Grundlage dafür ist eine fahrbare Plattform in Kombination mit einem Tablet, das an einem langen Stiel befestigt ist. Voraussetzung für die Kommunikation zwischen Personen an verschiedenen Orten ist ein Display mit Mikrofon und Webcam. „Ähnlich wie bei Skype kann mit Bildübertragung telefoniert werden“, erklärt Professor Barbara Klein, Spezialistin für emotionale Robotik, Laura Schmidt von der Universität Heidelberg. Bedient werden die Roboter über Apps mit mobilen Geräten oder durch Webbrowser

Bedienen einer Tabletoberfläche
Double wird über die App eines zweiten Tablets gesteuert.
Foto: Double Robotics

Hilfe bei häuslichen Tätigkeiten

„Zusätzlich kann sich der Roboter ferngesteuert in der Wohnung bewegen und so zum Beispiel nach dem Rechten schauen.“ Insofern dienen Telepräsenzroboter nicht alleine der Kommunikation, sondern können bei der Betreuung von älteren Menschen, beziehungsweise bei der Bewältigung des Alltags, helfen. Wurden die Medikamente eingenommen, ist der Herd ausgeschaltet, Türen und Fenster verschlossen? Auch bei der Suche nach verlegten Gegenständen wie einem Schlüsselbund kann der ferngesteuerte Roboter helfen. Häusliche Tätigkeiten lassen sich mit Double und Co. – denn es gibt eine ganze Reihe verschiedener Hersteller von Telepräsenzrobotern – erleichtern. Sie tragen dazu bei, dass Senioren länger unabhängig bleiben können und bei der Bewältigung ihres Alltags weniger auf die Hilfe von Verwandten oder Pflegepersonal angewiesen sind.

Durch seinen Preis von rund 2.400 Euro ist Double noch am ehesten für den privaten Gebrauch geeignet. Allerdings kommen noch die Kosten für iPad und Ladestation hinzu, sodass man bei den Anschaffungskosten mit rund 3.000 Euro rechnen muss. Alternativ kann Double auch ausgeliehen werden. In der Handhabung ist der smarte Roboter zunächst recht einfach zu bedienen, denn er wird via iPad oder Tastatur gesteuert. Double ist zwar sehr schick, aber dafür nicht ganz so robust. Er neigt schon mal dazu, umzukippen, denn wie ein Segway muss sich die Plattform ständig selbst ausbalancieren. Allerdings kann eine Stütze ausgefahren werden, wenn Double längere Zeit an einem Ort verharrt. Dadurch schont man den Akku, der bis zu acht Stunden hält, bevor er wieder für zwei Stunden aufgeladen werden muss. Danach ist Double wieder einsatzbereit.

Selbständige Kollisionsvermeidung und mehr Stabilität

VGo von Venca Technologie und Giraff von Camanio Care (früher Giraff Technologies) zählen mit Kosten um die 7.000 Euro zu den teureren Geräten. Sollte die Verbindung über Telefon einmal verloren gehen, ist das für VGo kein Problem.  Sein Vorteil gegenüber anderen Telepräsenzrobotern ist, dass er zusätzlich über eine Fernbedienung gesteuert werden kann. Durch das Drücken einer Taste kann VGo selbständig seine Ladestation aufsuchen. Auch das Erkennen von Hindernissen bereitet ihm keine Probleme. Er ist in der Lage, Kollisionen automatisch zu vermeiden. Allerdings fällt bei dem fahrbaren Roboter von Venca Technologie der Bildschirm relativ klein aus.

Der Telepräsenzroboter von Venca Technologie
VGo von Venca Technologie erkennt Hindernisse selbständig und weicht ihnen aus.
Foto: Venca Technologie

Giraff sieht durch die massive Basis auf Rädern sehr robust aus und schreckt die Leute vielleicht im erste Moment ab. Im Einsatz ist sie hingegen sehr feinfühlig. Die Steuerung erfolgt über den Laptop mittels Maus und ist sehr präzise. 2015 gewann das Model von Camanio Care beim AAL-Award den Jurypreis und hat zudem in Sachen Privatsphäre einiges zu bieten. So kann der Senior bei eingehenden Anrufen selbst entscheiden, wer ihn wann besucht. Vertrauenswürdigen Bezugspersonen kann der Zugang erlaubt werden, ohne dass das Gespräch vorher angenommen werden muss – so als ob man ihnen den Haustürschlüssel gegeben hätte. Das erleichtert nachts oder bei Notfällen die Überwachung.

Zukunft in der Telemedizin?

Für pflegende Angehörige stellen Telepräsenzroboter eine Entlastung dar, indem sie die Kommunikation erleichtern und die physische Präsenz ersetzen. Sie eignen sich aber auch für den Einsatz in der Telemedizin. Und vielleicht besucht Günther schon bald nicht mehr die Sprechstunde bei seinem Hausarzt vor Ort, sondern schildert seine Symptome einem zugeschalteten Mediziner.

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