Selbstbestimmt in eigenen vier Wänden alt werden

Selbstbestimmt in eigenen vier Wänden alt werden

Ein Interview mit Christian Niesen

von Silke Kropp

Der Koordinator des Hausnotruf-Systems des Deutschen Roten Kreuz Heidelberg erklärt für wen sich die Systeme eignen, schildert gängige Notruf Situationen und gibt einen Überblick über neue Entwicklungen.

Koordinator des Hausnotruf Deutsches Rotes Kreuz
Christian Niesen
Teamleitung HausNotRuf & Servicezentrale & Beratung
DRK Kreisverband Rhein-Neckar/Heidelberg e.V.

Christian Niesen ist der Koordinator des Hausnotruf-Systems, das das Deutsche Rote Kreuz (DRK) im Rhein-Neckar-Kreis und Heidelberg seit über 30 Jahren anbietet. Der Kreisverband versorgt rund 2.900 Kunden mit dem Aufbau der technischen Geräte und Hilfseinsätzen. In der Heidelberger Notruf Zentrale gehen auch die Alarme von benachbarten DRK-Kreisverbänden sowie von betreuten Wohnanlagen und Sozialstationen ein. Insgesamt sind 6.500 Kunden in der Organisation aufgeschaltet.

Herr Niesen, gibt es Zeiten am Tag, bestimmte Wochentage oder Jahreszeiten, an denen der Notknopf häufiger gedrückt wird?

Am häufigsten wird er an Silvester kurz nach 12 gedrückt. Da drücken viele drauf, die alleine sind, und wollen der Hausnotruf Zentrale ein gutes Neues Jahr wünschen. In der dunklen Jahreszeit oder wenn es sehr heiß ist, wird auch mehr gedrückt. Morgens um 6 Uhr fängt es an und steigert sich über den Tag. Abends wird es wieder ruhiger.

Wer nimmt ihr Hausnotruf System in Anspruch?

In erster Linie ältere Alleinstehende, die zweite große Kundengruppe sind ältere Ehepaare, aber auch jüngere Leute mit Handicap, zum Beispiel Rollstuhlfahrer, Epileptiker, oder Diabetiker. Unsere jüngste Notruf Teilnehmerin war 17 Jahre alt. Oft wollen auch frisch verwitwete Frauen, die es nicht gewohnt sind allein zu leben und nachts Angst haben, einen Hausnotruf haben.

Sinn und Zweck ist, dass der Kunde möglichst lange selbstbestimmt in seinen eigenen vier Wänden leben kann. Wenn jemand Hilfe braucht und nicht mehr in der Lage ist, sich selbst Unterstützung herbeizurufen, dann ist der Hausnotruf da. Und es muss nicht immer ein Sturz sein oder ein medizinischer Hintergrund. Vielleicht will ein aufdringlicher Vertreter nicht mehr gehen, da kann schon der Alarm des Basisgeräts helfen. Eine Kundin hat mir auch gesagt, wenn sie sonntags abends Tatort schaut, sitzt sie immer vor dem Fernseher mit dem Knopf in der Hand.

Wer kontaktiert sie häufiger, die pflegebedürftigen Personen oder die Angehörigen?

Die Pflegebedürftigen eher weniger, da viele sagen: „Ich bin doch erst 80 Jahre alt.“ Oft wollen sie erst, wenn schon etwas passiert ist. Zum Beispiel, wenn sie drei Stunden im Flur gelegen haben bis sie von jemandem gefunden wurden. Viele kommen auch über das Entlass-Management der Krankenhäuser, mit dem wir zusammenarbeiten.

Wie lange dauert es von der Anfrage bis das Notruf System in Betrieb genommen wird?

Das ist unterschiedlich. Wenn der Sohn anruft und sagt er geht in 14 Tagen in Urlaub und braucht in der Zeit einen Hausnotruf für die Mutter, dann lassen wir uns ein bisschen Zeit. Wenn aber jemand anruft und sagt, die Mutter würde morgen aus dem Krankenhaus entlassen und ist nachts allein, dann bekäme sie das morgen. Und zur Not bekommt sie es auch samstags nachmittags.

Armband mit Notknopf
Notfallknopf als Armband
mit freundlicher Genehmigung der Firma Telealarm

Was wird in Gang gesetzt, wenn ein Kunde den Notruf drückt?

Der Hausnotruf fragt Frau Müller was passiert ist. Oft wird der Knopf aus Versehen gedrückt. Wenn Frau Müller aber sagt, sie wäre hingefallen und bräuchte Hilfe wird eine individuelle Liste von Angehörigen oder Pflegediensten abtelefoniert. Einmal wohnt die Tochter im Nachbarhaus oder der Nachbar hat einen Schlüssel. Wenn wir niemanden erreichen, fahren wir hin. Auch bei Leuten ohne soziale Kontakte fahren wir, oder kooperierende Pflegedienste, bei denen auch die Hausschlüssel hinterlegt sind, innerhalb der nächsten 5 Minuten nach Eingang des Notrufs los.

Können Sie uns die gängigsten Notsituationen schildern, wann von Ihren Kunden der Knopf gedrückt wird?

Die meisten sind gestürzt. Sie haben beim Rollator die Bremse nicht angezogen, beim Aufstehen ist ihnen der Rollator weggesaust, sie sind aus dem Sessel gerutscht, aus dem Bett gefallen. Der gefährlichste Ort, wenn man keine Vorhänge mehr aufhängt, ist die Dusche. Da sollte der wasserfeste Notknopf immer mit. Und dann gibt es natürlich die soziale Komponente. Leute, die einsam sind und einfach nur Kommunikation wollen.

Können Sie sich an besonders einprägsame Situationen erinnern, die Sie hier schon miterlebt haben?

Es gab einmal eine Ausnahmesituation, bei der ein Mann in einem sehr beengten Bad ausgerutscht ist. Er war so unglücklich gefallen, dass die Feuerwehr Waschbecken und Toilette abbauen musste, damit wir ihn rausbekommen konnten. Vor vier Wochen hat eine Frau den Knopf gedrückt, weil sie gestürzt war. Als der Kollege kam, brannte schon das Essen auf dem Herd. Er hat das Feuer gelöscht und die Kundin schnell auf den Balkon gebracht. Beide sind wegen Rauchgasvergiftung vorsorglich ins Krankenhaus gekommen. Hätte sie einen Rauchmelder gehabt, hätten wir schon vorher die Feuerwehr geschickt.

Kann man bei Ihnen Rauch-, Wasser- oder Gasmelder dazu buchen?

Ja, die Rauchmelder geben den Alarm über das Hausnotruf Gerät direkt an uns weiter. Wenn wir beim Nachfragen nicht zügig eine klare Aussage bekommen, dass die Milch übergekocht oder das Schnitzel angebrannt ist, dann geht sofort die Feuerwehr, Rettungsdienst und Notarzt raus.

Wir haben auch eine taubstumme Hausnotruf Kundin mit Rauchmelder. Sie hat in jedem Raum eine Blitzleuchte und im Bett hat sie ein Rüttelkissen. In dem Moment wo der Rauchmelder auslöst, vibriert das Bett und in jedem Zimmer blitzt es. Das sind Insellösungen, die wir auch immer wieder aufbauen.

Wasser- oder Gasmelder haben wir hingegen vielleicht einmal gebraucht in den letzten 15 Jahren.

Basisgerät mit Tagestaste
Hausnotruf Basisgerät
mit freundlicher Genehmigung der Firma Telealarm

Sie bieten auch einen Tages- oder Bewegungsmelder an. Was hat es damit auf sich?

Bei der Tagestaste (Anmerkung der Redaktion: Hier gelbe Taste am Basisgerät, die zu vereinbarten Zeitpunkten gedrückt werden muss. Erfolgt dies nicht, wird ein Alarm an die Zentrale gesendet.) kann man verschiedene Sachen programmieren. Man kann zum Beispiel vereinbaren, dass der Kunde einmal am Tag drücken muss oder in einem Zeitkorridor zwischen 8-10 Uhr morgens. Für die Leute, die oft vergessen zu drücken, kann man das über einen Bewegungsmelder zurücksetzen lassen. Das heißt, wenn Bewegung in der Wohnung ist, wird automatisch die Tagestaste zurückgesetzt. Man kann auch festlegen, dass ein Alarm ausgelöst wird, wenn länger als 10 Stunden keine Bewegung in der Wohnung war. Die Tagestaste kann bei Abwesenheiten über die Hometaste auch abgemeldet werden. Ist in der Zeit dann trotzdem Bewegung in der Wohnung, bekommen wir einen Einbruchsalarm.

Angenommen Verwandte erreichen ihre Angehörigen nicht und sind besorgt.

Dann sollen sie bei uns anrufen. Wir fahren bei Bedarf hin und schauen nach. Der Anrufer muss aber bei uns in den Kontaktdaten eingetragen sein und von der Telefonnummer aus anrufen, die wir auch eingepflegt haben.

Wie weit kann man sich von dem Basisgerät entfernen um noch den Notknopf drücken zu können?

Es kommt immer auf die Fülle der Bebauung und die Art der Bebauung an. In einem Hochhaus kann nach 30-40 Metern schon Schluss sein, auf freiem Feld gibt es Reichweiten bis zu 300 Metern. Wir probieren das vor Ort mit den wichtigen Punkten wie Komposthaufen oder Mülltonne aus.

Manche Senioren wollen auch außerhalb des Hauses unterwegs sein. Bieten Sie auch einen mobilen Notruf an?

Bei normalen Gängen durch den Ort braucht man das nicht, da immer andere Leute helfen können. Sollte jemand nachts um drei auf den Friedhof gehen zum Gießen, wäre es sinnvoll. Ich will den Kunden nichts verkaufen was sie nicht brauchen. Die bisherigen mobilen Geräte waren auch nicht zuverlässig, aber momentan testen wir ein Neues. Die Sprachqualität ist okay und die Ortung ist sehr gut. Hier könnte man auch bei jemandem, der eine Weglauftendenz hat, immer wissen wo er ist.

Wenn der Knopf gedrückt wird, befinden sich die Kunden oder die Angehörigen oftmals in einer Ausnahmesituation. Was hat ihr Personal für eine Ausbildung und wie werden sie auf so eine Notfallsituation vorbereitet?

Das sind gut vorbereitete Sanitäter. Sie werden bei uns im Haus ausgebildet und fahren eine ganze Zeit als zweiter Mann mit. Wie man jemanden aufhebt oder wie man den Blutdruck misst, das lernt man schnell. Wir legen bei der Ausbildung mehr Wert auf die Sozialkompetenz.

Sie hatten neue Entwicklungen im Notrufsystem angesprochen. Gibt es noch etwas wo sie sagen, da tut sich was?

Es gibt vieles, nur keiner der es bezahlt. Wir können in die Telemedizin einsteigen und einer Herzpatientin eine Waage hinstellen, um über die Gewichtskontrolle Wassereinlagerungen als Anzeichen für eine Herzinsuffizienz zu erkennen. Wir können Blutzucker, Körpertemperatur und Blutdruck messen. Wir können sie über den Monitor zur Allgemeinbefindlichkeit abfragen und, und, und. Aber für uns rechnet sich das momentan nicht. Wegen des Ärzteschwunds auf dem Land und den wenigen Allgemeinmedizinern in der Stadt wird die Telemedizin zwangsläufig kommen. Wenn wir dann in einem zentralen Verbund rund um die Uhr einen Arzt sitzen haben, der auch berechtigt ist diese Messdaten auszuwerten und Maßnahmen einzuleiten, dann haben wir schon gewonnen.

Wir können auch bei Leuten Sensorik verbauen, um eine schleichende Demenz zu erkennen. Man kann einen Magnetschalter an die Schublade mit den Unterhosen machen. Die sollte eigentlich einmal am Tag aufgemacht werden. Oder man kann einen Schalter an die Toilettentür anbringen. Dadurch könnte man auch erkennen, dass Frau Müller heute 18-mal ins Bad ging, anstatt nur 5-mal und dadurch erfahren, dass sie eine Darmgrippe hat und eventuell Hilfe benötigt. Das alles könnte sich daraus entwickeln. Aber die meisten wollen es nicht, da sie sich sonst zu überwacht fühlen.

Man kann auch eine Herdabschaltung einbauen, wenn sich Hitze unter der Dunstabzugshaube staut und vor dem Herd keine Bewegung ist. Das kostet um die 1000 Euro. Es gibt so viele Sachen, von denen die meisten nichts wissen. Und die davon wissen, denen ist es zu teuer.

Warum kommt es zu Fehlalarmen?

Oft kommen die Leute aus Versehen dagegen zum Beispiel beim Abstauben oder die Katze läuft drüber. Manchmal wird auch vergessen die Tagestaste zu betätigen und wir können beim Nachfragen niemanden erreichen. Dann ist die Kundin vielleicht nur außer Haus, im Keller an der Waschmaschine oder hat die Hörgeräte noch nicht drin und SWR4 ganz laut aufgedreht.

Am 25. Mai tritt das neue Bundesdatenschutzgesetz und die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung in Kraft, die auch Gesundheitsdaten betreffen. Wie wird das Ihren Service beeinflussen?

Überhaupt nicht. Unsere Daten liegen sicher. Die Datenleitungen nach außen in die Cloud sind dreifach geschützt. Wenn wir in Rechenzentren arbeiten sind das Tier 3 Rechenzentren, das ist die höchste Schutzklasse für nicht behördliche Organisationen in Deutschland. Bei den Papierdaten halten wir uns streng an die Vorgaben, wann sie vernichtet werden und wie sie aufbewahrt werden müssen. Ebenso bei den elektronischen Daten.

Wie bewerten Sie zusammenfassend die Einführung des Hausnotruf Systems?

Insgesamt sehr positiv. Es gibt aber auch negative Seiten. Die Tagestaste beispielsweise kann bei Leuten mit sozialen Kontakten dazu führen, dass sich das soziale Umfeld zurückzieht. Die Angehörigen wissen, dass sie benachrichtigt würden, sollte etwas nicht stimmen. Auch bedeutet der Hausnotruf im betreuten Wohnen weniger personeller Zuwendung.

Der große Vorteil ist jedoch die Sicherheit. Die Leute können selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden alt werden. Wir können zusammen mit dem Pflegedienst und der Nachbarschaftshilfe viel um die älter werdenden Leute aufbauen. Man braucht dadurch heute eigentlich nicht mehr ins Altersheim.

 

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