„Frau Wegner, Sie möchten doch bestimmt etwas trinken?“

„Frau Wegner, Sie möchten doch bestimmt etwas trinken?“

Care-O-bot 4 hilft im Alltag
Der Care-O-bot 4 geht im Haushalt zur Hand. – Quelle: Fraunhofer IPA, Rainer Bez (2015)

Roboter in der Altenpflege – eine Entwicklung,
an der sich die Geister scheiden

Roboter unterstützen und pflegen Senioren – in Japan gehört das bereits zum Alltag. Die Überalterung unsere Gesellschaft schreitet schnell voran. Intelligente Technik soll helfen, das Problem zu lösen. Doch was genau können Maschinen in der Pflegebranche leisten? Und was nicht? Wie viel Zuwendung und Wärme gehen verloren, wenn ein Roboter die Getränke bringt oder zum Spielen auffordert?

In Deutschland steigt die Zahl der alten oder pflegebedürftigen Menschen unaufhaltsam an, die Anzahl an Pflegekräften schrumpft dagegen stetig. Diese Entwicklung bringt Probleme mit sich, für die Forschung und Wirtschaft erst noch Lösungen finden müssen. Eine Lösung heißt sicherlich: intelligente Technologien für die ältere Generation und in der Altenpflege. Dabei werden längst nicht nur vernetzte Pflegebetten oder AAL-Systeme entwickelt und erprobt. Auch an Robotern wird gearbeitet. Dabei gibt es hierzulande allerlei Skepsis und Bedenken den pflegenden Maschinen gegenüber. Bringen sie nicht die Gefahr der Entmenschlichung in der Altenpflege mit sich?

Paro, Robear und Kollegen – kuscheln, heben, Krankenakten verwalten

Japan, wo der demografische Wandel weiter fortgeschritten ist als bei uns, gilt als Vorreiter beim Einsatz von Robotern. Hier spielt sicherlich die große Technik-Affinität der Japaner eine Rolle. Wenn es um smarte Maschinen und neue technologische Errungenschaften geht, kennen sie weniger Berührungsängste und Zweifel als wir. Und so tun in Japan bereits diverse automatische Krankenpfleger im Pflegealltag ihren Dienst am Menschen.

Seit über zwei Jahrzehnten ist der sogenannte Zuwendungsroboter Paro, der von Takanori Shibata am National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST) entwickelt wurde, auf dem Markt. Paro ist einem Robbenjungen nachempfunden, hat weiches Fell, schwarze Knopfaugen und reagiert dank Berührungssensoren beispielsweise auf Streicheleinheiten. Das Gerät wird therapeutisch bei Demenzpatienten oder autistischen Kindern eingesetzt, um sie zu beruhigen und Stimmungen aufzuhellen. Auch in diversen deutschen Pflegeeinrichtungen ist Paro mittlerweile in Gebrauch.

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https://youtube.com/watch?v=agia0O8ms84

Paro in der Flersheim-Stiftung Bad Homburg

Zurück in Japan, im Pflegeheim Fuyo-En in Yokohama, tut der von der Firma Fuji Soft entwickelte Unterhaltungsroboter Parlo bereits seit Jahren Dienst. Parlo ist humanoid, vierzig Zentimenter groß und mit einer künstlichen Intelligenz ausgestattet. Er kann mit Menschen kommunizieren und bietet 365 Programme zur Unterhaltung an, etwa Rhythmusspiele oder Rätselraten.
Einen viel pragmatischeren Zweck wiederum erfüllt der bärenähnliche Robear des Forschungsinstituts Riken, der seit 2015 in japanischen Pflegeeinrichtungen im Einsatz ist. Er wird über ein Tablet gesteuert und kann Patienten tragen, transportieren und umlagern: etwa vom Bett in den Rollstuhl oder aus dem Rollstuhl in den Fernsehsessel. Damit entlastet er vor allem das Pflegepersonal körperlich. Sein freundliches Äußeres soll dazu beitragen, dass die Menschen, denen er sich nähert, schnell Vertrauen zu ihm fassen.
Terapio wiederum, der an der Technischen Universität Toyohashi (TUT) entwickelt wurde, ist brusthoch, grün-weiß und erinnert eher an einen Mülleimer als an einen Bären. Er gilt als Vorreiter der teilautomatisierten Pflege und begleitet Ärzte und Pflegekräfte bei ihren Patientenbesuchen. Mithilfe einer Kamera kann er Gesichter auseinanderhalten und automatisch die passende Krankenakte auf seinem Display anzeigen. In seinem Robotergehäuse finden sich Verbandszeug, Pinzette, Medikamente und anderes medizinisches Werkzeug.

Der Care-O-bot 3 bringt Wasser.
Der Care-O-bot 3 bringt Wasser. – Quelle: Fraunhofer IPA, Jens Kilian (2012)

Roboter-Skepsis in Deutschland

Hierzulande gibt es weniger Akzeptanz oder Vertrauen den pflegenden Maschinen gegenüber. Man befürchtet eine Entmenschlichung in einem Bereich, in dem der zwischenmenschliche Kontakt – ein freundliches Wort, ein Lächeln, eine Berührung – von allergrößter Wichtigkeit ist. Gerade in der ambulanten Pflege, aber ebenso in Pflegeinstitutionen ist nicht nur die physische Verwahrlosung ein Problem, sondern auch die Gefahr der Vereinsamung. So darf unterstützende Technik nicht dazu führen, dass der ältere Mensch oder Patient seltener einen anderen Menschen zu Gesicht bekommt als zuvor.

Die Forschung hat sich darauf eingestellt, dass Roboter in Deutschland gerade in der Altenpflege mit viel Fingerspitzengefühl eingeführt werden müssen. Sie entwickelt intelligente Maschinen, die Service und Support bieten, aber menschliche Pflegekräfte nicht ersetzen. Auch humanoide Züge sind nicht unbedingt gefragt.

Casero beispielsweise ist ein frei navigierendes Transportfahrzeug. Der Roboter, der von der MLR Systems GmbH entwickelt wurde, hat keine Arme, keine Beine, kein Gesicht und kann nicht sprechen. Dafür ist der einkaufswagengroße Roboter fähig, bis zu einhundert Kilogramm schwere Lasten zu tragen: Schmutzwäsche oder Wasserkästen zum Beispiel. Er orientiert sich über Kameras und Sensoren, findet seinen Weg in den Keller und kann sogar Aufzug fahren. So entlastet er vor allem die Pflegekräfte und verschafft ihnen Zeit, die ihnen beim Umgang mit den Patienten zugutekommt.

Auch der Serviceroboter, den der Roboterhersteller Kuka plant, soll vor allem das medizinische Personal entlasten. Der Aufgabenbereich der Maschine könnte das Einsammeln von Essenstabletts, das Befüllen der Spülmaschine oder die Zubereitung von Mahlzeiten umfassen.

Deutlich persönlicher in Kontakt mit Menschen tritt der Care-O-bot, der vom Fraunhofer-Institut entwickelt wurde und mittlerweile in der vierten Generation von der Mojin Robotics GmbH vertrieben wird. Der ausgesucht höfliche Roboterassistent ist vielseitig begabt und lässt sich etwa in Hotel, Haushalt, Krankenhaus oder Pflegeheim einsetzen. Derzeit macht er sich außerdem in einigen deutschen Saturn-Filialen sowie im Haus der Geschichte in Bonn nützlich. Natürlich kann er auch ältere Menschen, die zu Hause leben wollen, in ihrer Selbstständigkeit unterstützen, indem er ihnen als interaktiver Butler Arbeiten abnimmt.
Sein älterer Bruder, der Care-O-bot 3, wurde mehrmals im laufenden Pflegebetrieb in Senioreneinrichtungen getestet. Bei diesen Einsätzen bewies die einarmige Maschine, dass sie Gesichter unterscheiden konnte, und sprach ihr Gegenüber mit Namen an. Sie animierte zum Spielen, Singen, brachte Getränke – und merkte sich, wer bereits wie viel getrunken hatte. Gerade letztere Fähigkeit entlastet natürlich auch das medizinische Personal. So zeigten die Testläufe, dass der Roboter von seinen menschlichen Kollegen durchaus als Hilfe wahr- und angenommen wurde. Die Patienten und Heimbewohner wiederum reagierten ganz unterschiedlich auf den Care-O-bot 3: Einige ließen sich amüsiert von ihm bedienen oder unterhalten – andere konnte er trotz seiner höflichen Art nicht für sich gewinnen. Auch Technikbegeisterung und Lust auf Neues sind eben immer eine Frage der individuellen Persönlichkeit und Vorlieben. Den Service- oder Pflegeroboter, der alle überzeugt – ob menschenähnlich, sprechend, mit Augen oder nicht –, wird es vermutlich nie geben.

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https://youtube.com/watch?v=oRpKBjbljMo

Die Roboter Casero und Care-O-bot 3 machen sich in einer Stuttgarter Altenpflegeeinrichtung nützlich.

Lesen Sie weiter zum Thema Ethik in der Pflege 4.0: unseren Bericht „Ethische Stolpersteine auf dem Weg in die moderne Pflege“ und ein Interview mit der Technikphilosophin Manja Unger-Büttner. Außerdem finden Sie hier ein Interview mit Dr. Birgit Graf vom Fraunhofer IPA.

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