Roboter auf Rezept

Roboter auf Rezept

Das Exoskelett von ReWalk unterstützt Gehbehinderte
Das Modell ReWalk Personal 6.0 im täglichen Einsatz  (ReWalk Robotics GmbH (Germany)

 

Krankenkassen übernehmen Kosten für zugelassene Exoskelette

 

Was junge Menschen locker schaffen, fällt vielen Älteren schwer. Gehen, Stehen, Heben, Greifen: Ganz profane Bewegungsabläufe  werden mit zunehmendem Alter unabwendbar zu einer Belastung. Sogenannte Exoskelette können hier für Abhilfe sorgen. Ein Exoskelett ist eine Art Maschine zum Anziehen. Klingt nach Science Fiction, ist aber längst schon Realität. Neuerdings kommen sogar die Krankenkassen im Bedarfsfall für die immer noch astronomisch hohen Anschaffungskosten auf.

 Der GKV-Spitzenverband, die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland, nimmt am 1. Februar 2018 das Rewalk Personal 6.0 Exoskelett-System in das Hilfsmittelverzeichnis auf. So unspektaklär diese Meldung  auch klingen mag, so bahnbrechend ist sie doch für die Entwicklung der digitalen Pfegetechnik. Bahnbrechend deshalb, weil seit diesem Tag Pflegebedürftige die finanziellen Aufwendungen nicht mehr selbst tragen müssen und  bahnbrechend auch deshalb, weil mit dieser Entscheidung  die Basis für ein neues Geschäftsmodell gelegt wurde.

Dementsprechend euphorisch reagierte Larry Jasinski, CEO von Rewalk, auf die Ankündigung der GKV: „Wir freuen uns, dass das deutsche Gesundheitssystem diese technische Innovation ins Hilfsmittelverzeichnis aufnimmt, die das Leben der Versicherten im ganzen Land verändern wird. Das ist eine richtungsweisende Entscheidung, die für die fortschrittliche Strategie der GKV spricht … “ Keine Frage, nach diesem Grundsatzentscheid wittern Unternehmen wie die Rewalk Robotics GmbH Morgenluft. Mit Preisen bis zu 100.000 Euro sind Exoskelette keine billige Angelegenheit. Für die Mehrzahl der betroffenen Pflegebedürftigen waren die Kosten damit kaum persönlich zu stemmen. Deshalb kamen Exoskelette in unterschiedlichen Ausformungen vor allem bei Arbeitsabläufen in der Industrie zum Einsatz.

 

Exoskelett von German Bionic Systems
Unterstützung bietet das Modell von German Bionic Systems beim Heben und Tragen schwerer Lasten (German Bionic Systems)

 

Aufbruchstimmung bei Wirtschaft und Forschung in Deutschland

War in der Vergangenheit die Entwicklung von Exoskeletten vor allem eine Domäne japanischer und amerikanischer Forscher, so mischen mittlerweile auch deutsche Unternehmen munter mit. Am 10. Januar 2018 informierte der Augsburger Robotik-Spezialist German Bionic Systems die Öffentlichkeit über die Serienfertigung  seines Modell German Bionic CRAY X.  Nach Angabe des Unternehmens handelt es sich um das erste komplett in Deutschland entwickelte und produzierte Exoskelett. Erst einmal ist es vor allem für den Einsatz in der industriellen Produktion gedacht, um das Risiko von Arbeitsunfällen und überlastungsbedingten Erkrankungen zu verringern. Es bedarf allerdings keiner übermäßigen Fantasie, um sich die Vorteile gezielt in der Altenpflege vorstellen zu können.. Die Bewegungen des Trägers werden durch eine Kombination aus menschlicher Intelligenz und maschineller Kraft unterstützt oder verstärkt.

Am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart forscht ein Team an der Realisierung einer Exo-Jacke. Wer sie überstreift, dem greifen kleine, leichte Motoren unter die Arme und erleichtern schwere Tätigkeiten. Bis zu 20 Prozent der benötigten Energie könne die Jacke übernehmen, sagt Urs Schneider, der das Zukunftsprojekt leitet. Schon in zwei Jahren soll sie in den Handel kommen, kündigt Schneider an: „Es handelt sich gewissermaßen um ein E-Bike zum Anziehen.“  Speziell für den Pflegebereich entwickeln sie gerade einen sogenannten Exo-Kasack, der das Heben von Patienten erleichtert. Urs Schneider: „Wir arbeiten dabei eng mit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege und ihrem Rückenkolleg in Halle zusammen.“

Konzentration auf den Bereich Pflege und Gesundheit

Aktuell konzentriert sich das Team um Urs Schneider auf Anwendungen rund um die Gesundheit. Dafür sei es wichtig, das Gewicht der Exo-Jacke weiter zu senken, und zwar auf maximal neun Kilogramm. Auch sei man dabei, passende Beinteile zu entwickeln, die dem Träger zusammen mit dem Oberkörper-Exoskelett umfassende Unterstützung bieten. Ziel sei es, einen Baukasten mit einzelnen Modulen zu entwickeln, die etwa mithilfe eines 3D-Druckers erzeugt und je nach individuellem Bedarf zusammengesetzt werden können. In zehn Jahren, so Schneiders Vision, gehöre dieser Service zum Standardprogramm in Sanitätshäusern. Profitieren werden davon vor allem ältere Menschen, prognostiziert der Fraunhofer-Forscher: „Arbeiten in Haus und Garten, Besorgungen erledigen oder der Kinobesuch mit Freunden – all das können solche Systeme deutlich erleichtern.“ Die Preise für die technische Assistenz werden in den kommenden Jahren sinken, davon ist Urs Schneider überzeugt: „Vor zwei Jahren haben Exoskelette noch 200 000 Euro gekostet, heute sind wir schon bei rund 50 000 Euro und dieser Trend wird weitergehen.“

Alter Wein in neuen Schläuchen

Wie bei vielen anderen Erfindungen bedienten sich auch hier die Wissenschaftler einer Eigenart aus dem Tierreich. Gliederfüßer wie Insekten oder Krebstiere besitzen im Gegensatz zu Wirbeltieren kein Innenskelett sondern ein stabilisierendes Außenskelett. Diese Erkenntnis machte sich das amerikanische Unternehmen General Electrics bereits 1965 zu Eigen, als es mit einem Prototypen namens Hardiman erstmals ein Exoskelett entwickelte. In der jüngeren Vergangenheit fand diese Idee verstärkt Aufmerksamkeit in der Forschung und nimmt seitdem rasant an Fahrt auf. Unternehmen wie Rewalk, Robotics, Cyberdyne und Ekso Biononics oder der koreanische Hyundai-Konzern setzen verstärkt auf eine breite private Nutzung und dies zu deutlich niedrigeren Preisen als bisher.

Chancen überwiegen gegenüber Risiken

Der Superflex Anzug  von SRI Internationals soll älteren Menschen Bewegungsfreiheit zurückgeben. Intelligente Sensoren imitieren die Bewegungen des Trägers und aktivieren sich erst dann, wenn unbedingt nötig. Dieser Aspekt ist nicht ganz unwichtig, lauert doch eine der großen Gefahren beim konstanten Einsatz von Exoskeletten im Abbau von Muskelmasse. Apropos Gefahren:  Noch testen die Forscher vor allem passive Exoskelette, die Belastungen abfangen und sie z.B. mit Hilfe von Federn in Energie umwandeln. Wie das Beispiel des Superflex-Anzugs verdeutlicht, ist der nächste Schritt in Vorbereitung: aktive Exoskelette, in denen Motoren die körperlichen Tätigkeiten der Menschen unterstützen – und zwar gefüttert mit Sensordaten und passend zur aktuellen Belastung. Je komplexer eine Technik ist, desto fehleranfälliger wird sie. Wenn sie vernetzt ist, könnte sie etwa Hackerangriffen zum Opfer fallen, ähnlich wie jüngst Herzschrittmacher.

Trotz all dieser Bedenken spricht der Trend In Ländern mit stark sinkenden Geburtenraten und einer schnell alternden Gesellschaft für einen Boom der Exoskelette . Das japanische Ministerium für Wirtschaft und Industrie (Meti) etwa prognostiziert, dass der Markt für Roboter in Reha und Altenpflege in den nächsten zehn Jahren von derzeit rund 140 Mio. $ auf 1 Mrd. $ steigen wird. Bislang erachten fast alle Beteiligten die Chancen weitaus höher als die Risiken. Ob nun „Schöne neue Welt“ oder „Horror-Szenario“: Die Zukunft wird es zeigen.

Text: Lothar Zimmer

Fotos: ReWalk Robotics GmbH / German Bionic Systems

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