Wenn Pillentimer Alarm schlagen

Wenn Pillentimer Alarm schlagen

Technische Hilfsmittel erinnern an Medikamenteneinnahme

 

Zahlreiche Tabletten in unterschiedlicher Farbe und Größe
Mit zunehmenden Alter müssen immer mehr Medikamente eingenommen werden. Foto: stevepb /pixabay.com

Allein ein einziges Medikament genau nach Verordnung einzunehmen, kann sich schon als schwierig erweisen. Doch was tun, wenn am Tag statt einer gleich 15 verschiedenen Arzneien eingenommen werden müssen? Für Senioren keine Seltenheit. Dank digitaler Lösungen mit integrierter Erinnerungsfunktion ist es möglich, nicht den Überblick zu verlieren.

Morgens, mittags, abends, vor oder nach dem Essen: Die Einnahme von Medikamenten begleitet mit zunehmenden Alter viele Menschen. „Es ist keine Seltenheit, dass die über 80-Jährigen bis zu zehn Tabletten am Tag einnehmen müssen“, weiß Arzneimittelexperte Dr. Joachim Zeeh, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie und Chefarzt der Geriatrischen Fachklinik Georgenhausen Meinigen. Rechtzeitig das richtige Präparat einzunehmen ohne den Überblick zu verlieren kann dann zur Herausforderung werden. Der Mediziner gibt zu bedenken. „Wenn man 15 Medikamente nehmen muss, kommt man selbst als Jüngerer durcheinander.“ Bei den meisten Arzneimitteln ist einmal Vergessen in der Regel kein Problem. Aber es gibt auch Wirkstoffe, zum Beispiel Medikamente gegen Herz-Rhythmus-Störungen oder gegen die Blutgerinnung, bei denen es wichtig ist, dass sie zu festen Zeiten eingenommen werden. Sonst drohen lebensbedrohliche Reaktionen.

Automatische Tablettenspender mit Alarmfunktion

Arzneien müssen also regelmäßig eingenommen werden, um zu wirken. Damit Patienten – und vor allem Senioren – ihre Tabletten im Alltag nicht vergessen, gibt es eine Reihe digitaler Hilfsmittel, die an die verordnete Einnahme erinnern. Zu den verschiedenen technischen Lösungen zählt auch ein Pillentimer. Eine Dose mit mehreren Fächern für Tabletten, die an die traditionellen Plastik-Tablettenspender erinnert. Diese wird durch einen elektronischen Timer ergänzt, der über akustische oder visuelle Signale Alarm schlägt, wenn es an der Zeit für die Medikamente ist. Um sicher zu gehen, dass die Präparate wirklich genommen werden, schaltet sich der Alarm erst ab, wenn der Patient die Einnahme auf dem Spender bestätigt. Andere Systeme arbeiten mit Kippsensoren, die registrieren, sobald die Arznei aus dem Behälter in die Handfläche gelehrt wird. Die digitale Pillenbox setzt jedoch voraus, dass Patienten oder deren Angehörige bei der Nutzung selbst aktiv werden. Je nach Fassungsvermögen muss der Spender in regelmäßigen Abständen wieder befüllt werden.

 

Einfaches Dosiersystem für Tabletten
Damit Medikamente, die nicht vergessen werden dürfen zu festgelegten Zeiten eigenommen werden können, gibt es Hilfsmittel.
Foto: Bernd Kasper / pixelio.de

Eine reine Erinnerungsfunktion übernehmen hingegen Apps als virtuelle Pillenboxen. Im iTunes Shop oder bei Google Play findet man eine ganze Reihe kostenloser Apps, die regelmäßig an einem zuvor festgelegten Zeitpunkt an die Medikamenteneinnahme erinnern. Dr. Zeeh ist sich sicher: „Für technikaffine Senioren ist das eine gute Lösung.“ Eine Pilotstudie an der Berliner Charité mit Senioren konnte ebenfalls beweisen, dass Erinnerungs-Apps dazu beitragen, die Medikamententreue zu steigern. Dabei wird ein Einnahmezyklus festgelegt und das Smartphone erinnert zuverlässig an die entsprechende Pillendosis. Viele der Anwendungen erkennen die Medikamente per Strichcode, was die Eingabe erleichtert. Der Arzneimittelexperte Joachim Zeeh schränkt jedoch ein: „Viele der im Moment alten Leute, und damit meine ich die 85-Jährigen, kommen selbst mit den Senioren-Handys eher schlecht zurecht.“ Hinzu kommen die fehlenden oder reduzierten Smartphone-Funktionen dieser Geräte, die einen Zugriff auf entsprechende Apps von vornherein ausschließen. Er ist sich dennoch sicher, dass Apps als Erinnerungshelfer für die Einnahme von Medikamenten „für die kommende Generation eine riesige Bedeutung spielen werden.“

 

Smartphone im Gebrauch
Für das Smartphone gibt es zahlreiche Apps, die an die Medikamenteneinnahme erinnern.
Foto: Lupo / pixelio.de

Die intelligente Tablette

Die amerikanische Gesundheits-Technologiefirma Proteus Digital Health beschreitet hingegen einen ganz anderen Weg, die Medikamententreue von Patienten zu kontrollieren und damit zu optimieren. Sie haben einen Sensor für Tabletten entwickelt. Dieser ist in der Lage, aus dem Magen heraus zu melden, dass das Psychopharmakon eingenommen wurde. Sobald der Sensor in Kontakt mit Magensäure kommt, sendet er elektrische Impulse. Damit das funktioniert, muss der Patient einen Empfänger tragen, der mit einem Pflaster auf dem Brustkorb aufgetragen wird und die Information an eine App weiterleitet. Von dort wandert sie in eine Cloud. „Das ist so ein High-Tech-Beweis und im Moment einfach nur eine Demonstration dessen, was möglich ist“, betrachtet Zeeh diese Entwicklung kritisch. „Für die normalen Medikamente, die ein durchschnittlicher Senior einnimmt, ist das im Moment keine Lösung.“ Digital Health dagegen hat bereits eine weitaus größere Zielgruppe im Visier. Wie sie auf ihrer Website schreiben, könne das System vor allem bei Patienten mit Diabetes oder Bluthochdruck die größte Wirkung erzielen.

Die aus medizinischer Sicht beste Lösung, um gegen das Vergessen der Medikamenteneinnahme vorzugehen, sieht der Chefarzt der Geriatrischen Fachklinik darin, darauf zu achten, dass die Tablettenzahl nicht zu groß ist. „Für technikaffine Senioren sind digitale Hilfsmittel wie Apps aber durchaus ein Thema, was man mit ihnen besprechen kann und sollte.“

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