Wir werden uns an den Roboter gewöhnen müssen

Wir werden uns an den Roboter gewöhnen müssen

Ein Interview mit der
ambulanten Pflegekraft Bettina Frank

von Johanna Thaben

sSich haltende Hände
Noch sind es Menschen, die uns im Alter bei der Pflege die Hand reichen.
Foto: Rike / pixelio.de

Seit 13 Jahren arbeitet Bettina Frank bei der Diakonie in der ambulanten Pflege. Täglich betreut die Medizinische Fachangestellt zwischen zehn und 15 Patienten und versucht, nie den Menschen dahinter aus den Augen zu verlieren. Smarte Technologien kommen dabei bislang so gut wie gar nicht zum Einsatz. Sie ist sich aber sicher: Mit fortschreitender Technologiesierung der Gesellschaft wird sich das in der nächsten Generation ändern.

Frau Frank, könnten Sie sich vorstellen, sich eines Tages mal von einem Roboter pflegen zu lassen?

Nein! Und ich hoffe, dass ich nicht gepflegt werden muss, weil ich irgendwann morgens einfach nicht mehr wach werde. Aber das hoffen wir ja alle.

Warum nicht? Was würde Sie an der Pflege durch einen Roboter stören?

Dass er keine Menschlichkeit hat. Das ist für mich das Wichtigste. Er kann mich vielleicht waschen, vorausgesetzt er hat kein Programmierfehler und wäscht mir das Gesicht mit dem Waschlappen vom Hintern, aber die Menschlichkeit fehlt. Ich habe einen Patienten, von dem weiß ich ganz genau, dass er morgens, wenn ich zu ihm ins Zimmer komme, einen eiskalten Waschlappen von mir haben will, um sich das Gesicht zu waschen. Das kann man einem Roboter vielleicht auch beibringen. Aber dann gibt es Tage, da sehe ich ihm schon an: Wenn er jetzt einen eiskalten Waschlappen bekommt, dann flippt er aus. Sobald ich so etwas wahrnehme, mache ich den Lappen automatisch ein bisschen wärmer. Ein Roboter könnte so etwas nicht sehen, weil er das nicht erkennt. Ich kann in einen Raum gehen und sehe ganz genau, wie die Nacht von einem Patienten war. Eine Maschine wird das niemals können.

Sie sind also der Meinung, dass ein Roboter die persönliche Ansprache nicht ersetzen kann?

Richtig, denn es fehlt die Zuneigung in der Pflege. Das ist aber ein allgemeines Problem. Von den Menschen die jetzt alleine sind, stammen viele noch aus der Kriegsgeneration. Da haben viele Frauen nebenbei gearbeitet, ohne groß in die Rente einzuzahlen. Von ihnen leben jetzt fast alle am Existenzminimum und bekommen Probleme, ihre Pflege zu regeln. Weil es ihnen an Geld fehlt, haben sie zur Betreuung eine Polin zuhause, die allerdings kein Wort deutsch spricht. Dann hat man zwar jemanden da, aber kann nichts mit ihm anfangen. Gerade Leute in diesem Alter haben so viel zu erzählen, dass es schade ist, wenn keiner zuhört. Jemanden bei sich zu haben und trotzdem einsam zu sein, dass ist eigentlich noch viel schlimmer.

Sie haben die polnischen Pflegekräfte bereits angesprochen, die den Mangel fehlender deutscher Fachkräfte auffangen sollen. Gerade dann würden sich doch Roboter eignen, um die Pflege zu unterstützen.

Ich habe schon von Robotern gehört, die die Grundpflege übernehmen können. Dank dieser Hilfen wird es die nächste Generation in der Pflege sicherlich leichter haben, das glaube ich schon. Momentan ist es in meinem Bereich wirklich unwahrscheinlich schwierig, überhaupt Personal zu finden. Es gibt kaum noch Leute in Reserve, die einspringen können, wenn mal jemand krank wird. Jetzt passiert es immer häufiger, dass man aus seinem Frei geholt wird und einspringen muss, sodass man einen Berg von Überstunden vor sich herschiebt, den man nicht mehr abbauen kann.

Noch einmal zurück zu den Robotern. In Japan gehört es bereits zum Alltag, dass Roboter Senioren pflegen und unterstützen. Es gibt Zuwendungsroboter, Unterhaltungsroboter oder Serviceroboter. Wäre das nicht eine Lösung?

Die emotionalen Bedürfnisse würden dabei auf der Strecke bleiben, weil ein Computer einem nie das Feedback geben kann wie ein Mensch, der einem gegenübersteht. Das wird immer so sein. Wenn ich einen Raum betrete, sehe ich auf den ersten Blick, wie es meinem Patienten geht. Da muss er noch nicht einmal was zu mir gesagt haben. Das wird ein Roboter so nicht hinkriegen. Ich weiß ja nicht, wie weit die Entwicklung noch geht. Aber vielleicht ist sie irgendwann so weit, dass ein Roboter menschliche Strukturen und Gefühle wahrnehmen kann, dann ginge das vielleicht. Ich finde die Entwicklung interessant, hoffe aber, dass ich noch Menschen zur Pflege bekomme.

Sie sagen, einen Roboter die Grundpflege übernehmen zu lassen, ist in Ordnung. Welche Aufgaben würden Sie hingegen keinem Roboter anvertrauen?

Ich würde es niemals einem Roboter überlassen, Medikamente zu verabreichen, wie zum Beispiel Insulin. Der muss nur einen Programmierfehler haben und statt sechs Einheiten 60 Einheiten Insulin spritzen. Das wäre mein Tod.

Was ist bei der Pflege oberstes Gebot und sollte nicht vernachlässigt werden, egal ob durch Mensch oder Maschine?

Das Allerwichtigste überhaupt ist, dass man sich immer vor Augen führt, dass es ein Umgang mit Menschen ist. Die Menschlichkeit ist der Hauptfaktor, der immer mehr verloren geht. Es kann jedem passieren, dass er von heute auf morgen auf Pflege angewiesen ist. Dann sollte man sich vorstellen, wie man selbst gerne behandelt werden möchte und die Menschen so pflegen, wie man es bei sich selbst gerne hätte. Das ist ganz wichtig.

Es gibt digitale Pillenboxen, die automatisch an die regelmäßige Einnahme von Medikamenten erinnern und andere smarte Helfer für Senioren. Kommen bei der ambulanten Pflege intelligente Technologien zum Einsatz?

Smarte Technologien kommen gar nicht zum Einsatz. Die armen Patienten erschrecken sich bei so einem Alarmgeräusch sonst zu Tode. Mit der Generation die ich betreue, die sind so zwischen 70 und 90 Jahre, kann man das nicht machen. Das geht vielleicht mit Leuten meiner eigenen Altersstufe, und ich bin jetzt 55, wenn wir mal pflegebedürftig sind. Die ältere Generation kennt sich mit der Technologie nicht aus und kann damit nichts anfangen. Wenn ich meiner 78-jährigen Mutter das Smartphone in die Hand drücke, würde sie das Internet löschen, wenn das ginge. Aber für die Zukunft und die Jahrgänge, die danach kommen, wird das schon was sein. Die haben schon eine Ahnung von Smartphones und wissen so ungefähr, worauf sie sich einlassen. Bei den jetzt zu betreuenden Patienten ist das nicht so. Für die ist das ein Alptraum.

Halten Sie die Entwicklung von intelligenten Hilfsmitteln für Senioren generell für sinnvoll?

Die muss kommen und ich denke, gerade die Generation der 50-Jährigen wird damit zurechtkommen, weil es für sie kein Thema mehr ist. Aber das menschliche wird dabei auf der Strecke bleiben. Das sieht man ja schon heute, wenn sich die Leute im Restaurant nicht mehr miteinander unterhalten, sondern nur noch aufs Smartphone gucken. Dann ist die Frage, ob diese Menschen überhaupt noch echte Zuneigung brauchen, denn sie haben ja ihr Smartphone. Die Generation, die ich heute Pflege, die hatten noch kein Smartphone, die müssen noch unterhalten werden. Aber irgendwann wollen die Leute vielleicht keine Unterhaltung mehr, weil ihnen ihr Smartphone reicht. Dann ist es normal, wenn der Roboter kommt. So wie die Menschen, die ich jetzt betreue, lernen musste, sich von einem Mann pflegen zu lassen – denn früher wäre das ein Unding gewesen – so wird man sich irgendwann daran gewöhnen, dass dafür ein Roboter um die Ecke kommt.

Frau Frank, vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

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