Ärztliche Videosprechstunde
im Aufwind

Ärztliche Videosprechstunde
im Aufwind

Die demographische Entwicklung und der Ärzteschwund auf dem Land stellen das Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. Kann Telemedizin eine Lösung sein?

Auf dem Bild sind Computer und Abhörgerät zu sehen.
Foto: rawpixel/ pixabay.com

Die digitale medizinische Versorgung überwindet immer mehr Hürden. Die Bundesregierung und die deutsche Ärzteschaft ebnen mit neuen Gesetzen und Berufsverordnungen den Weg. Allein die mangelnde Vergütung könnte sich als ein Hindernis erweisen.

Was ist Telemedizin?

Die Telemedizin überbrückt, mittels einer Kommunikation über Telefon und Internet, räumliche Distanzen zwischen Patienten und Ärzten.  Für ältere oder mobil eingeschränkte Menschen ist der Weg zum Arzt oft aufwendig. Besonders in ländlichen Gebieten sind die Wege zudem lang und der öffentliche Nahverkehr nicht gut ausgebaut.

Videosprechstunden können Patienten beschwerliche Anfahrten zu oder Wartezeiten in Praxen ersparen. Ärzte können über den Bildschirm nach Operationen den Heilungsprozess überwachen oder den Verlauf chronischer Wunden begutachten. Mittels körpernahen Sensoren oder funkfähigen Geräten können zusätzlich Vitalfunktionen, wie Blutdruck, Puls, EKG, Gewicht und Körpertemperatur übertragen werden.

Gesetzeslage zur Telemedizin in Deutschland

Das Interesse an der Telemedizin ist allgemein groß. Sowohl die Bundesregierung, die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Gesetzliche Krankenversicherung Spitzenverband fördern deren Ausbau.

In der digitalen Technologie sieht das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) die Möglichkeiten strukturschwache Gebiete zu versorgen und die steigende Anzahl an älteren Patienten im häuslichen Umfeld besser zu betreuen.

Das BMG erließ im Dezember 2015 ein E-Health Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen. Ziel war hierbei unter anderem die Online-Videosprechstunde voranzutreiben.

Seit April 2017 können bestimmte Arztgruppen, unter anderem Hausärzte, Kinder- und Jugendärzte, Orthopäden, Gynäkologen und Dermatologen, ihren Patienten Videosprechstunden anbieten und abrechnen. Die Ärzte dürfen allerdings nur beraten und betreuen. Zudem sind die zulässigen Indikationen eingeschränkt und beinhalten zum Beispiel die visuelle Verlaufskontrolle von OP Wunden, Bewegungseinschränkungen und -störungen und Dermatosen. Außerdem müssen die Patienten den Medizinern persönlich bekannt sein, das heißt, eine Betreuung kann nicht ausschließlich über digitale Medien erfolgen.

Im Rahmen der Online-Sprechstunde waren bislang bundesweit Ferndiagnosen und -behandlung nicht zulässig. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg geht allen anderen voran. Seit Januar 2018 ist Teleclinic, die erste mit Ärztekammer-Siegel versehene digitale Arztpraxis, befugt Diagnosen zu stellen und Therapien einzuleiten.

Ob andere Länder nachziehen wird sich zeigen. Auf dem 121. Deutschen Ärztetag im Mai in Erfurt wird über eine neue Ergänzung der Musterberufsordnung bezüglich Fernbehandlung beraten.

Smartphone mit Stethoskop
Die Online-Videosprechstunde
kann auch über das Smartphone stattfinden.
Foto: StockSnap/ pixabay.com

Digitale medizinische Versorgung in anderen Ländern?

Baden-Württemberg folgt dem Beispiel der Länder Schweiz und Schweden. In der Schweiz können kleinere gesundheitliche Probleme, wie ein unkomplizierter Harnwegsinfekt, im telemedizinischen Servicecenter diagnostiziert werden. Bei Bedarf wird ein Antibiotikum-Rezept an die vom Patienten ausgewählte Apotheke geschickt.

Das schwedische Gesundheitsministerium fördert ebenfalls die digitalen Konsultationen. Es erlaubt den Medizinern Diagnosen zu stellen und Patienten auch ohne jeglichen persönlichen Kontakt zu behandeln. Das Angebot wird mittlerweile gut angenommen. Für dieses Jahr ist vorgesehen die herkömmlichen und telemedizinischen Arztbesuche vergütungstechnisch gleichzustellen.

Anforderungen an Videosprechstunden

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Gesetzliche Krankenversicherung haben Anforderungen für den Online-Arztbesuch festgelegt. Der Patient muss schriftlich in eine digitale Konsultation einwilligen und der Arzt den Namen des Patienten kennen. Die Videosprechstunde soll ungestört und vertraulich ablaufen, hierbei muss auch die Datenübertragung einwandfrei funktionieren. Nur ein zertifiziertes, verschlüsseltes Softwaresystem darf eingesetzt werden. Zudem müssen die Sprechstunden werbungsfrei ablaufen und dürfen nicht aufgezeichnet werden.

Das Bundesministerium für Gesundheit erstellt im Rahmen der E-Health Initiative eine Informationssicherheitsleitlinie für telemedizinische Anwendungen. Die hierin enthaltenen Ansätze, die Datenschutz und Datensicherheit gewährleisten, sollen in die Planung von telemedizinischen Projekten einfließen.

Bisherige Erfahrungen mit Videosprechstunden

Aus dem Ärztenetz MuM – Medizin und Mehr eG aus Bünde ging ein Softwareunternehmen hervor, welches das System elVi, eine elektronische Videosprechstunde, entwickelt hat. Seit 2016 ist elVi in einem Pilotprojekt in Arztpraxen und Senioreneinrichtungen am Start. Es handelt sich um eine webbasierte Anwendung, bei der Patienten von dem Arzt einen Zugangscode erhalten. Nach der Anmeldung landet der Patient im virtuellen Wartezimmer. Das System ist auch mit jeden Smartphone aufrufbar.

Mittlerweile ist das Telemedizin Projekt ein erprobtes Werkzeug, wie Dr. med. Hans-Jürgen Beckmann, Vorstand von MuM, im deutschen Ärzteblatt vom Februar 2018 berichtete. Erste Auswertungen dieser Form ärztlicher Zuwendung liegen vor. Die durchschnittliche virtuelle Visite betrug 5 Minuten und betraf größtenteils Medikation und das Begutachten chronischer Wunden. Es gab deutliche Einsparungen bei den Transportkosten und bei den Arbeitsstunden, die anfallen, wenn Pflegepersonal Senioren zu den Arztpraxen begleitet. Mitte 2019 soll eine weiterführende Evaluation feststellen, ob der Video-Service zu weniger Krankenhauseinweisungen geführt hat.

Trotz der vielversprechenden Entwicklung ist laut Beckmann ein angemessener Umgang mit der digitalen Technik geboten. Videosprechstunden sollten nicht unkontrolliert in Anspruch genommen werden, müssten eine qualitative Versorgung gewähren und dürften eine persönliche Betreuung nicht ersetzen.

Stethoskop und Computer
Telemedizinische Versorgung
könnte Kosten im Gesundheitswesen einsparen.
Foto: StockSnap/ pixabay.com

Wie werden virtuelle Arztbesuche angenommen?

Bislang sind Videosprechstunden nicht verbreitet. Das kann auch an der aufwendigen Implementierung der zugelassenen Software Programme liegen. Allerdings scheint maßgeblich die unzulängliche Vergütung eine Rolle zu spielen. Dr. Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, erläuterte in MDR aktuell: Das Anschaffen der Technik kostet viel Geld und der Verdienst sei zu gering, um diese Mehrkosten zu tragen.

Auch Dr. med. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, bemängelte im Deutschen Ärzteblatt die geringen Abrechnungskosten. So würden nur 4,21 Euro für die Technik und 9,27 Euro für den Patientenkontakt bezahlt. Dazu müssten die Patienten in beiden Vorquartalen persönlich in der Praxis gewesen sein. Müsste der Patient trotz Videostunde in die Praxis einbestellt werden, können Ärzte die vorausgegangene Videosprechstunde nicht abrechnen, kritisierte Fischbach. Zudem wäre die Vergütung für digitale Sprechstunden auf 800 Euro pro Jahr gedeckelt.

Christian Niesen, Koordinator des Hausnotrufs vom DRK Kreisverband Heidelberg sieht die Telemedizin dennoch auf dem Vormarsch: Wegen des Ärzteschwunds auf dem Land und den wenigen Allgemeinmedizinern in der Stadt wird die Telemedizin zwangsläufig in den nächsten ein bis zwei Jahren kommen.

Digitales Ärzteportal Teleclinic

In der zertifizierten telemedizinischen Anlaufstelle bieten Mitglieder der Landesärztekammer Baden-Württemberg Videosprechstunden an. Eine kostenlose Anmeldung sollte vorab per App oder telefonisch erfolgen. Rund um die Uhr können Patienten anrufen und geschultem Fachpersonal ihr Anliegen schildern. Die medizinische Assistenz vereinbart dann den Rückruftermin eines zuständigen Arztes, der sich zu gegebener Zeit meldet.

Ursprünglich war das Projekt nur für Privatpatienten vorgesehen. Ab voraussichtlich März ermöglicht die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg in Kooperation mit Teleclinic auch gesetzlich Versicherten webbasierte Arztbesuche.

Die Kosten werden für Privatpatienten voll gedeckt. Bei gesetzlich Versicherten werden sie dann zu 100% übernommen, wenn deren Krankenkassen oder Arbeitgeber mit Teleclinic kooperieren. Selbstzahler können den Service jederzeit nutzen.

Auszeichnung für ein Videosprechstunden Projekt

Die Deutsche Gesellschaft der Telemedizin (DGTelemed) setzt sich seit 2005 für die Verbreitung der digitalen Arztkonsultationen ein. Unter anderem vergibt sie jedes Jahr den Telemedizinpreis.

Das erfolgreiche Pilotprojekt TeleView war 2016 Preisträger. Mittels eines Videokonferenzsystems und einer App boten hierbei Ärzte mit Migrationshintergrund Flüchtlingen in Notunterkünften medizinische Unterstützung an. DGTelemed lobte den Beitrag zur damaligen Flüchtlingssituation in Deutschland: Das Projekt „TeleView“ belegt außerdem beeindruckend, dass Telemedizin ermöglicht, auf aktuelle große Probleme in der Gesundheitsversorgung zügig, flexibel und erfolgreich zu reagieren. (mehr zu weiteren Preisträgern)

 

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